Stolze Eltern – das Baby im Internet.

Als werdender Vater finde ich im immer komischere und vor allem bedenklichere Dinge.

Ich will hier niemandem an den Karren fahren. Einfach nur einmal ein wenig Wachrütteln! Nun, heute habe ich beim herumsurfen die Webseite von „Seraina Arnold*“ entdeckt. Eine Website, erstellt von stolzen Eltern für ihr Kind. Auf der rosaroten Seite findet man Bilder des Babys Seraina* und den Eltern, sowie Familienangehörigen und Bekannten. Aus dem Spital, aus den Ferien, von Ausflügen, ja sogar von der Taufe von Seraina Michelle* gibt es digitale Zeitzeugen. Die beiden Eltern schrieben sogar ein On-Line Tagebuch über ihr Kind, mit präzisen Gewichts- und Grössenangaben, von Krankheiten welche der Sprössling gerade durchmacht, wie die schmerzhafte Mundfäule oder vom Besuch bei der Mütterberatung.

Aber ist es wirklich angebracht, eine Website mit kritischen Details über ein Kind anzufertigen? Das Kind kann seine eigene Meinung noch nicht äussern und bekanntlich vergisst das Internet nie etwas. Und wer das nicht glaubt, der lese meinen Blogpost zum Thema Wayback Machine. Die Internetseite von Seraina* ist ebenfalls bei archive.org gelistet und so für alle Ewigkeit nachhaltig und unveränderlich versioniert gespeichert. Und was glaubt ihr was passiert wenn man auf google.ch „Seraina Arnold*“ eingibt? Die Website von Seraina* landet auf der sagenhaften dritten Stelle. Manche Firmen investieren ein Vermögen in SEO um ihre Website auf so einen hohen Platz bei Google zu bringen. Dass Seraina* nun „gegooglet“ werden kann, freut Personalchefs irgendwann in 20 Jahren ebenso, wie die fiesen Schulkameraden im Gymi welche die arme Seraina* ab den Bildern bis zum Gehtnichtmehr aufziehen werden.

Zwar wird die Website offensichtlich nicht mehr betreut, es wäre aber trotzdem angebracht wenn die Eltern diese ab dem Netz nehmen. Ich habe den Eltern übrigens eine Email mit dem Link zu diesem Blogpost geschickt um sie auf die Gefahren hinzuweisen. Das herausfinden der Geschäftsmailadresse, der Wohnadresse und der Telefonnummer von Serainas* Vater dauerte geschätzte 2 Minuten. Ich will hier natürlich niemandem meine Meinung aufdrücken, aber ich finde es schwer bedenklich was im Internet gemacht wird. Und die Eltern von Seraina* waren es sich bestimmt gar nicht bewusst, was diese Website eigentlich alles für „Folgen“ haben könnte. Es war eine herzige Idee. Ganz klar süss und gut gemeint. Aber, meiner Meinung nach, eine überflüssige.

Noch weiter geht das ganze mit Internetanbietern wie lifeportal.ch (bzw. unserbaby.ch – selber Anbieter). Dort bekommt man eine halbwegs professionell anmutende Website für sein Neugeborenes im Baukastenprinzip. Klick, klick, und die Website ist in wenigen Augenblicken fertig. Und damit alle anderen Besucher von lifeportal.ch auch gleich die neue Seite begutachten können, werden auf der Startseite fleissig alle neue erstellten Mami- und Papiseiten verlinkt. Die Privatsphäre des Babys bleibt da vollends auf der Strecke und mehr oder weniger naive Eltern wissen nicht, was sie ihren Kindern langfristig antun. Der Quelltext von lifeportal.ch verrät zudem, dass das „robots“ Argument die Suchmaschinen anweist, allen Links zu folgen. Dies hat zur Folge, das sämtliche der erstellten Webseiten relativ zügig auch via Google gefunden werden können. Gibt man bei Google Schweiz „Gian Albert“ ein, erscheint auf der ersten Seite eine dieser Selbstbau-Seiten von unserbaby.ch (bzw. lifeportal.ch). Die Webseiten im folgenden Teil des Beitrages werden übrigens nicht anonymisiert, da selbige bereits ohne Probleme über die Website des Anbieters erreicht werden können, was bei Seraina* nicht der Fall ist.

Was denkt zum Beispiel das Mami von Xenia in 30 Jahren, wenn sie von allen Menschen im Internet in Unterwäsche angeschaut werden kann? Die Bürokollegen werden wohl ihre Freude haben. Wohl nicht gerade das, was Mann/Frau sich wünscht. Oder ist dies die Frucht der vernetzten Gesellschaft? Facebook, Myspace und wie sie alle heissen, die tollen „Präsentier-Dich-Seiten“. Den Menschen scheint es egal zu sein, wer, wann wo und warum sie „googlet“. Oder was wird Loui denken, wenn seine Saufkumpanen ihn dereinst nackig in der Badewanne begutachten können und über sein bestes Stück beraten? Die Würde der Babys wird schlichtweg missachtet und – meist – ungewollt schwerwiegend verletzt.

Man kann den Faden nun auch weiterspinnen und einmal die Menschen berücksichtigen, welche nicht immer das Beste wollen. Seiten wie die von lifeportal.ch sind eine Einladung für echt perverse Straftäter welche ihre pervetierten, pädephilen Sexualneigungen ausleben wollen.  Und obwohl es mit Garantie nie Absicht der Eltern war solchen Typen Tür und Tor zu öffnen, wird es aus Unwissenheit gemacht. Werkzeuge wie die WayBack Machine (archive.org) sollten die Menschen wachrütteln. Was einmal im Internet ist, bleibt dort. Das ist wohl die einzige Garantie die das Internet bietet. Auch, wenn man die eigentliche Quelle – meist die Website – aus dem Internet entfernt. Eine Kopie ist stets in griffweite.

*) Name wurde geändert.


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