Generalmobilmachung

Kürzlich näherte ich mich auf dem Fahrrad meinem Arbeitsplatz, als eine Gruppe Soldaten in hellbraunen Uniformen vor mir die Strasse überquerte. Im Gleichschritt und mit aufgesetzten Bajonetten! 

Mitten in der Stadt!

Einigermassen befremdet versuchte ich, das Unwahrscheinliche vom Wahrscheinlichen zu trennen und systematisch auszuschliessen, um nicht der Panik heimzufallen oder mich einem Flüchtingskonvoi anzuschliessen, von dem ich ohnehin nicht wusste, wo der sich denn sammeln würde.

So schloss ich aus, dass von südafrikanischen oder holländischen Armeen überfallen wurde. Und ich schloss aus, auf dem Fahrrad einen Zeitsprung in die von 1939 gemacht zu haben.Vermutlich haben sich diese lebensgrossen Zinnsoldaten auch nicht einfach verlaufen, dachte ich. Und sehr wahrscheinlich ziehen die auch nicht in die Schlacht, dachte ich mir auch noch. Weil das heutzutage doch keiner mehr tut. Zumindest nicht mit aufgesetzten Bajonetten auf dem Gewehr. Obwohl ich mir da gar nicht so ganz sicher bin.

Irgendwann dämmerte es mir, was frühmorgens immer etwas länger dauert. Das sind doch diese Berufsmarschierer und –tröter, die am Basel zu Gast sind. Dem zweitgrössten Militärmusik-Festival der Welt! Da soll man bitteschön auch stolz sein drauf!

Die Jungs marschieren allabendlich feierlich beleuchtet und marschblasend das Gelände der ehemaligen Kaserne auf und ab. Ihre Individualität scheinen sie zu Gunsten von Allesehengleichaus und Allebewegensichgleich und Alleblasentrötenundmarschieren gleich aufgegeben zu haben. Das muss so sein. 

Wahrscheinlich brauchen die trotzdem ab und zu etwas Auslauf. Deshalb marschieren sie frühmorgens im Gleichschritt durch die Stadt.Wie hofreitschulemässig dressierte Lippizzaner-Hengste. Nur fressen sie kein Heu. Und dürfen sich auch nicht manchmal auf der Weide austoben.

21 militärmusikalische Formationen aus vier Kontinenten mit zum Teil märchenhaft klingenden Namen wie „Fanfarekorps Koninklijke Landmacht Bereden Wapens“ oder „His Majesty the King’s Guard and Drill Platoon“ oder „Band of Her Majesty Royal Marines” gehen in Basel ihrer Bestimmung nach.

Die Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung und beschreiben euphorisch „die komplexen  Choreographien und die Drillvirtuosen in ihrer atemberaubenden Synchronisation“ (bazonline). Und keiner denkt mehr darüber nach, wozu der Drill und die Marschmusik ursprünglich erfunden wurden. Nicht, um das individuelle Selberdenken zu fördern. Kunst ist das – wenn auch ziemlich martialische.

Am hübschesten finde ich die 200 röckchentragenden Schotten-Krieger, die abends synchron Dudelsack blasen und sich danach wahrscheinlich synchron besaufen. So mein Klischee.

Liebe elsässische und badensische Nachbarn und Nachbarinnen, keine Sorge! Es ist nicht notwendig generalmobilzumachen! Wir Nicht-SVP-WählerInnen sind immer noch in der Mehrheit und die schweizerische Armee hat sich nicht mit befreundeten Heeren zusammenschlossen um bei Euch einzufallen und die SVP-Träume vom grosschweizerischen Reich wahr werden zu lassen! Lasst Eure Waffen in den Kasernen! Wenn die hier fertig marschiert haben, gehen die alle wieder nach Hause! Garantiert und versprochen!


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