Pizzaerwerb in 60 Minuten Arbeitspause

Kürzlich bewegte ich mich in meiner Mittagspause über den nahegelegenen Platz im Basler Stadtzentrum, um mir ein Stück Pizza zu besorgen.

Da wurde ich angehechtet von jungen, bleichgesichtigen amerikanischen Missionaren, die mein Seelenheil retten wollten.
Getrieben vom göttlichem Willen werden diese krawattenaufweissemhemd-tragenden, uniformierten mormonischen Jungmissionare (flugticket-gesponsert und mit Bettadressen von ortsansässigen Gleichgesinnten ausgerüstet) nach Europa geschickt, um die hier ansässige Menschheit wieder auf den richtigen Pfad zu bringen.
Für diese frommen, gegeisselten Kinder aus dem amerikanischen Outback ist das bestimmt ein ganz grosses Abenteuer!
Das verpflichtete mich irgendwie zu aufgesetzter Toleranz und angedeuteter Freundlichkeit.

Die göttlich animierten Bubis wurde ich dann auch einigermassen anständig los, als mich ein
Marketingfirma-Studi-Temporär-Mitarbeiter, der Passanten zu Spenden auf Dauerauftragsbasis für irgend etwas verpflichten wollte, anvisierte.
Gleichzeitig geriet ich – ebenfalls unerwünscht – in den Fokus eines leidenschaftlich Beseelten der Communita Cristiana Italiana, der mich mit einer Bibel beschenken wollte, die mich zum Nachdenken über Gott animieren sollte.
Etwas unfreundlicher gestimmt wendete ich auch diese Attacken nach Entgegennahme eines Einzahlungsscheins und einer Einladung zu einem Vergebungs-Gottesdienst ab und verfolgte weiter zielstrebig den Erwerb meines Mittagessens.

Vor lauter Ausweichen vor Bettelunternehmern und anderen kommerziell Motivierten näherte ich mich versehentlich dem Stand einer schrägen Sekte, die mit durchaus interessanten Fotos von Kornkreisen, aber damit ziemlich zusammenhanglos stehend um meine Seele warb. Diesem motivierten Religionsverkäufer konnte ich gottseidank noch ganz knapp entkommen, weil dieser bereits mit seinem dritten, metaphysischen Auge eine andere Sünderin ins Fadenkreuz genommen hatte.

Kurz vor dem Ziel meiner Pizzaträume lauerte ein armes Opfer auf mich, das sich verpflichtet fühlte, für die Scientologen mittels „Persönlichtkeitstests“ potentielle Sekten-Finanzierende anzuwerben. Ihn konnte ich grossräumig umgehen, was mich aber wiederum mindestens drei meiner sechzig Minuten dauernde Pause gekostet hat. Zeitlich wurde es langsam eng.
Am Eingang des Grossverteilers wurde ich mit Hilfe eines bunten Prospektes über die Vorzüge bakterieneliminierenden Waschmittels aufmerksam gemacht.

Der zwei Minuten dauernde Pizza-Kauf erfolgte ereignislos.
Schwieriger wurde es erst wieder danach,
Um zum in den Laden integrierten Kiosk zu gelangen, musste ich einen mobilen Stand passieren, an dem sich Mitarbeitende eines Telekommunikationsunternehmens extrem Sorgen um meine hohe Telefonrechnung machten.
Dem Frieden zuliebe nahm ich auch diesen Prospekt entgegen, obwohl die mittlerweile unfreiwillig erworbene Papiermenge nun endgültig das Fassungsvermögen meiner Hosentaschen überstieg.

Am Kiosk, wo ich eigentlich nur sündige Zigaretten kaufen wollte, wurde mir – natürlich mit Prospekt – eine Haustier-Krankenversicherung angeboten, auf die ich bisher vergebens gewartet hatte.
Das Kaugummi-Muster und den unerwünschten Lottoschein („Es gibt diese Woche einen Millionen-Jackpot!“) steckte ich mir in den BH. Linke Seite, weil sonst kein Stauraum mehr vorhanden war.

Die Einseitigkeit des Fassungsvolumens meines BHs wurde ausgeglichen, bevor ich den Pausenraum meines Arbeitsplatzes erreichte.
Ein um meine Ausgaben besorgter provisionsabhängiger Mitarbeiter einer Krankenkasse
war sich sicher, meine Income-Outlet-Bilanz positiv beeinflussen zu können.
Sein Hochglanzprospekt führte zu einer ausgeglichenen Bilanz im Volumen meiner beiden Büstenhalterhälften!

Die Pizza habe ich dann im Stehen runtergeschlungen, um rechtzeitig wieder an meinem Arbeitsplatz zu sein.

Als mir am Abend zuhause auch noch nette Mitmenschen telefonisch billige Tiefkühlprodukte, ausländische Lotterien und Toilettenpapier en gros angeboten haben, war ich sehr glücklich über die Vorzüge des wunderbaren freien Marktes und konnte befriedigt schlafen gehen.


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