Basel kocht!

Alte, verbitterte Menschen wie ich erinnern sich an prähistorische Zeiten, als es in noch drei Tageszeitungen gab. Danach sind auch die Dinosaurier ausgestorben.
Übrig blieben ein paar versteinerte Knochen im naturhistorischen Museum und die – eine liebgewonnenen Chimäre, geschaffen aus den sterblichen Überresten von Basler Nachrichten und National Zeitung.
Diese wurden übrigens bereits mit Holzstöckchen auf feuchte Lehmtafeln geschrieben als die AZ noch auf geglättete Birkenrindenstücke aufgepinselt wurde. So wurde diese von der Modernisierung der Newsverbreitungstechnik überrollt.
Sie weilt seit Äonen in den ewigen Mediengründen. Friede ihrer Asche!

So lebten die Baslerinnen und Basler also jahrzehntelang mit ihrer Basler Zeitung in mittlerer Zufriedenheit. Wenn blaue, rote, gelbe, grüne und braune Zeitungslesende zuverlässig und regelmässig ihre hauseigene Berichterstattung kritisieren, muss dies wohl als Zeichen ausgewogenen Journalismus’ gewertet werden.

Dann gab es einen Meteoriteneinschlag!
Die sich überschlagenden Ereignisse sind nachfolgend chronologisch zusammengefasst:

Februar 2010: -Verleger Matthias Hagemann verkauft sein Erbe an den achzigjährigen konservativen Milliardär-Financier-Investor TitoTettamanti, der bereits an Kauf und rechtskonservativer Neuausrichtung der Zürcher „Weltwoche“ beteiligt war und an den Wirtschaftsjuristen-Medienunternehmer Martin .
Das ist der mit der „Begeisterung für guten Journalismus“.
Damit werden die beiden Herren auch Besitzer des Namens „National Zeitung“ – dies nebenbei bemerkt.

Eine Neuausrichtung sei nicht vorgesehen, wird versichert und man möchte eine „regionale Zeitung mit nationaler Ausstrahlung“.
Gerüchte, die gelegentlich auftauchen, dass Blocherbiograf Markus als künftiger Chefredaktor vorgesehen sein könnte, werden dementiert.
Ebenso wurde und wird das Gerücht dementiert, wonach Christoph in den Zeitungskauf involviert gewesen sei.

30. August: Der stellvertretende Chefredaktor der SVP-nahen Weltwoche Markus Somm aus Zürich wird Chefredaktor der BaZ.
Am gleichen Tag wird der bisherige Chefredaktor Matthias Geering von seinem Posten entfernt!

Die nicht vorgesehene Neuausrichtung zeichnet sich in Markus Somms regelmässig erscheinenden Kommentaren deutlich ab.
Markus Somm kommentiert stilistisch brillant und bringt weiteste Teile der Leserschaft innert kürzester Zeit zur Verzweiflung, zur Weissglut oder zumindest auf die Palme!
Seine Feindbilder sind variabel. Vor allem SozialdemokratInnen, Beamte, Christdemokraten, Regierungsmitglieder, die Lehrerschaft, die Grünen, Marktzweifler und Marktungläubigen kriegen ihr Fett ab!
Markus Somm kommentiert nicht – er schreibt Amok!

Der bisherige Höhepunkt seines Wirkens in Basel erreichte er am Tag nach der Bundesrat-Ersatzwahl.
Sein ideologisch reiner und unwillkommender Kommentar überzog zwei Drittel der Titelseite der BaZ – der Berichterstattung voran gestellt!!!
Irrwitzig auch seine psychologische Analyse von Hans-Rudolf Merz’ Bündnerfleisch-Lachanfall.
Markus Somm fand das – wahrscheinlich als einziger – nicht lustig!

Am 11. Oktober wurde in der Basler Zeitung grossräumig Christoph Blochers Geburtstag zelebriert: „Der Schweiz ward ein grosser Mann geboren“ oder so ähnlich.

Am Samstag, 13. November durfte Christoph Blocher eine Seite des Kulturteils der Basler Zeitung „gestalten“. Der Beitrag soll hier nicht gewürdigt werden.

Am Sonntag, dem 14. November veröffentlichte die NZZ einen Artikel, wonach Christoph Blocher, resp. dessen Beratungsfirma Robinvest, deren alleinige Verwaltungsräte Herr Blocher und seine Tochter sind, ein umfassendes „Beratungsmandat“ der Basler Zeitung erteilt wurde…

Die Leserschaft wütet in Online-Foren, mit Leserbriefen und Abo-Kündigungen.

Es wird eine Facebook-Gruppe „für eine neue Zeitung für Basel – ohne , Wagner, Somm und Blocher!“ gegründet, die bereits nach 24 Std. über 900 Mitglieder hat.
Dort wird kreativ über die Schaffung von Alternativen zur BaZ diskutiert.

Am Montag kommen die Redaktoren der BaZ unter Ausschluss der Chefredaktion zusammen und wenden sich nach einstimmigem Beschluss in einem offenen Brief an Verleger Wagner und an die Öffentlichkeit. Palastrevolution!
Unter anderem verlangen sie, dass auf weitere politische Einflussnahme zu verzichten und die Zusammenarbeit mit Somm zu überprüfen sei. Sie fürchten um ihre journalistische Glaubwürdigkeit. Das Image der Zeitung ist bereits schwer beschädigt. Eine Online-Petition www.rettet-basel.ch taucht auf.

Heute, Dienstagabend, präsentiert sich folgende Zwischenbilanz:

Die facebook-Gruppe hat mittlerweile 1776 Mitglieder.
Die rettet-basel-Petition wurde bereits von 7351 Leuten unterzeichnet, obwohl die Seite heute gehackt und stundenlang lahmgelegt wurde!
Die Buttons „Blocher-Zeitung – Nein, danke“ laufen wie warme Weggli!
Pro verkauftem Button geht ein Franken in einen Fonds zur Unterstützung von unabhängigen Medien.
Die Telefonistinnen der Basler Zeitung erleben einen Albtraum!

Onlinereports, Basellandschaftliche Zeitung, Radio Basel, Blick am Abend berichten über die Protestaktionen.

Basel kocht!


6 Kommentare

  1. hallo – auf einer svp-seite unter http://www.rettet-basel-nicht.ch werden alle protesteinträge von rettet-basel.ch veröffentlicht. ich finde das eine sauerei ! dürfen die das ? ich hab kein bock, dass wenn man mich googelt, ich dann auf einer svp erscheine. das ist doch eine sauerei?

  2. Guten Abend Herr Bacherli

    Die Nachfrage hat ergeben, dass Sie zu keinem Zeitpunkt auf der Unterzeichneten-Liste von http://www.rettet-basel.ch eingetragen waren. Die Liste enthält auch keine Adressen oder Email-Adressen, die irgend jemand oder irgendeine Organisation weiterveröffentlichen oder missbrauchen könnte.

    Ihre Befürchtungen scheinen nicht auf einen realen Vorkommnis zu basieren.
    Für weitere Nachfragen wenden Sie sich bitte an die Betreiber von http://www.rettet-basel.ch

    Freundliche Grüsse
    Regina

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.