Taschenspieler

Gerne staunen wir über die Nachfahren des grossen Houdini wie David Copperfield oder seine Tausenden weniger bekannten kleinen Brüder in aller Welt.
Ihr Geschick verblüfft uns. Längst wissen wir alle, worauf wir achten sollten und trotzdem gelingt es uns nicht, die Tricks zu durchschauen.
Der Bühnenmagier lenkt uns Tücher schwenkend mit der einen Hand ab, während er vor unseren Augen mit der anderen Hand das tut, was ihn entlarven würde – wenn es uns denn gelänge, unseren Blick vom Tuch loszulösen…

Genauso gehen auch Taschendiebe vor. Während der Taschendieb uns den Mantel hilfsbereit von Schmutz befreit, greift die andere Hand in die Handtasche, um den Geldbeutel rauszufischen. Während jemand gegen uns stolpert und sich wortreich entschuldigt, greift ein anderer nach der Brieftasche in der Kittel-Innentasche.

Mr Magoo der Politik braucht keine Fingerfertigkeiten, sondern Werbeagenturen und ein Argumentarium der ganz hemmungslosen Art, um das gleiche zu erreichen!
Wenig Aufwand, viel Wirkung!

Die Selbsternannte Volkspartei richtet die Blicke der potentiellen Wählerschaft auf lustige Cartoons mit roten Ratten, schweizfressenden Raben und altbekannten Schafen an Plakatwänden, die uns wohlig schauernd an Walt Disneys lustige Taschenbücher aus unseren Kindertagen erinnern – während sie uns hinterrücks das Portemonnaie aus der Tasche zieht.

Während ihre Protagonisten bei jedem öffentlich wahrnehmbaren Auftritt irgendwelche Bevölkerungsgruppen diffamieren, wird unser Blick auf unsere eigenen Interessen abgelenkt.
Ausländerfeindlichkeit als wortreich kommentiertes schwenkendes Tuch in der Hand!

Wir werden vom Raubzug auf uns Arbeitnehmende abgelenkt mit kriminellen Ausländern, Scheininvaliden, Sozialhilfebetrügern, faulen Staatsangestellten und anderen Parasiten – in der Sprache von Goofy.
Der Staat wird zum Panzerknacker. Die Geldgier Dagobert Ducks zur allgemeingültigen Normalität.

Die Volkspartei – unter deren Vertretern kaum ein Lohnempfänger ausgemacht werden kann – unterstützte die Senkung des BVG-Umwandlungssatzes, die Aushöhlung der Arbeitslosenversicherung, die Privatisierung der SUVA, die Erhöhung des Rentenalters im vollen Bewusstsein, dass heute schon ein/e 40jährige/r kaum mehr eine Festanstellung findet und wendet sich sogar konsequent gegen die Einführung eines Mindestlohns!

Ohne Differenzen tickt auch deren ältere, aber wesentlich kleinere Bruderpartei, die , deren nationalrätlichem Mitglied Philipp Müller schon die Worte aus dem Mund purzelten, dass er es nicht so gut fände, dass sein Verein als Geldsack-Partei wahrgenommen werde. Schwierig dagegen zu halten angesichts ihrer Realpolitik…

An der Schule ist übrigens gemäss alles falsch und die Wiedereinführung der Schnüerlischrift, sowie die widerspruchslose Disziplin der 50er-Jahre – am besten unter der gehorsamsorientierten Kontrolle einiger „Wirtschaftsweisen“ analog der Uniräte, die die Bildung junger Menschen konsequent in eine auf Wirtschaftsgläubigkeit ausgerichtete Verhaltensweise prägen will, unabdingbar!
Soviel zur volksnahen Bildungspolitik.

Sie sind gegen Parallelimporte, um die Preise für uns und die Gewinne einiger ihrer Zielgruppen hoch zu halten und gegen den freien Markt für landwirtschaftliche Produkte, um eine ihrer anderen Zielgruppen nicht zu vergraulen. Gleichzeitig stehen sie ein für den freien Markt, weil dieser angeblich alles viel besser und billiger kann. Post, SBB und „staatliche“ Versicherungen wie AHV und SUVA sollen dem freien (internationalen!) Unternehmertum und der Börse zum Frass vorgeworfen werden, um für eine weitere Zielgruppe auch attraktiv zu bleiben. Wie billig unser Leben dank Marktwirtschaft werden kann, hat uns die Strommarktliberalisierung
schon nahe gebracht. Der Gesundheits“markt“ lehrt uns das Grauen!

Verstanden?
Ich auch nicht. Ausser dass dies die Strategie sein muss, im Wahljahr 2011 einen Wähleranteil von 30 % zu erreichen. Mit lustigen Feindbild-Cartoons, die Steinzeit-Abwehrreflexe reaktivieren und von den für unser Leben wesentlichen Themen ablenken. Wie das wedelnde Tuch des Bühnenmagiers.

An allem sind „Ausländer“ schuld, bei denen auch nicht unterschieden wird, ob es sich um MitbürgerInnen handelt, die hier geboren, aufgewachsen und ausgebildet wurden oder um Kriminaltouristen handelt, die sich hier kurzfristig und zu dunklen Zwecken aufhalten.
Das „Volch“ hat mit Hilfe Ivans, dem „bald eingebürgerten Vergewaltiger“, einem russischen Schauspieler übrigens, der unwissend als Comic-Figur missbraucht wurde, die gutgeheissen.
Die Initiative einer Partei, die sich konsequent dagegen sträubt, dass genügend Polizisten und Justizbeamte eingestellt werden, um geltendes Recht auch wirkungsvoll durchsetzen zu können!

Wir leben im Zeitalter der Kommunikationskunst und es ist unsere Entscheidung, ob wir uns für unsere eigenen Interessen einsetzen oder Werbeslogans für SVP, Waschmittel oder Tiefkühlspinat auf den Leim kriechen wollen.


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