Unbequemlichkeiten, Luxus und Sachzwänge

Also irgendwie bewunderte ich die unbekannten Organisatoren der Baustellenkette, der komplizierten Umfahrung und des „Tramersatzes“, die drei Wochen lang versuchten, die Lohnabhängigen aus der Basler Landgemeinde Riehen nach Basel zu Arbeit zu transportieren. Die abenteuerlichen Fahrten erfolgen mit Fahrzeugen, die unter Bussen so etwas wie der homo erectus sein mussten. Die rollenden Teile sind demnach etwa 1,9 Mio. Jahre alt und gehören bernmobil (!!!). Danke bernmobil – nicht zum ersten Mal!
Diese Antiquitäten wurden unter Zeitdruck von den Chauffeuren/eusen der augelagerten und kostenbewussten Basler Verkehrsbetrieben im Ferrari-Stil über den Nürnburg-Ring, resp. durch die Nebenstrassen Riehens nach Basel geflogen. Und zurück.

Wer es schaffte, auf halber Strecke ohne Hirnerschütterung, blaue Flecken und mit trocken gebliebener Wäsche in ein Tram umzusteigen, hätte eine Adelung zum Helden der Landstrasse verdient!
Die bus-fahrenden Zwangs-Rowdies auch.

Dass der gesamte Berufsverkehr über eine Umfahrungsstrecke rollte, die auch viermal stündlich von einem Zug gekreuzt wird, erhöhte den Nervenkitzel nicht nur für die sich angstvoll festklammernden Fahrgäste.

Die unterbezahlten und sonnenstich-geplagten privaten Alternativen zum polizeilichen Verkehrsdienst trugen nur wenig zur Sicherung der komplizierten, kleinen und massiv überlasteten Kreuzung mit zu nahegelegenem Bahngeleise bei…

Dank an die Riehenerin, die eine auf dem Geleise stecken gebliebenen Autofahrerin noch rechtzeitig zur Karre raus zerrte!
Das Auto konnte die autofahrende Heimkehrerin etwa 150 Meter weiter – etwas weniger voluminöser – ….ähm…entsorgen lassen.

Nun genoss ich ja den Vorteil, dass meine Lebensmittel auf dem Nachhauseweg über die gemeingefährliche Rennstrecke nicht durch den rollenden Schüttelbecher flogen wie die Einkäufe anderer. Menschen können sich im Schumi-Bus versuchen festzuhalten.
Einkaufstaschen nicht.
Ich brauchte nämlich gar nicht mehr einzukaufen! Bei hochsommerlichen Temperaturen von über dreissig Grad hatte dies ohne Kühlschrank einfach keinen Sinn! Der Kühlschrank ist im August nach 23 monoton vor sich hin kühlenden Lebensjahren kurz vor dem Wochenende ausgestiegen. Der Feiertag folgte rasch. Schlussendlich war die ersatzkühlschrankliefernde Firma ferien- und grippehalber so gestresst, dass bis zur Lieferung des Ersatzgerätes zwei Wochen verstrichen.

Das Leben ohne Kühlschrank ist äusserst kompliziert bei Aussentemperaturen über 30 Grad!!!
Es hatte aber auch nennenswerte Vorteile:
1. Ich brauchte nicht mehr einkaufen zu gehen.
2. Die Einkäufe brauchten im 1,9 Mio Jahre alten Bus-Flugzeug nicht gesichert zu werden und
3. (Oft bin ich etwas angesäuert, weil sich die Dinge politischer und gewerkschaftlicher Natur trotz Herzblut und Einsatz unendlich langsam zu bewegen scheinen. Oft hol‘ ich mir auch eine blutige Nase beim gegen die Wände laufen. Dies erleben wohl manche von uns so.
Da sind Wände aus Sachzwängen, vermeintlicher „Vernunft“, Mutlosigkeit und Ängsten. Ängsten davor, noch mehr zu verlieren. Dabei können grössere Zusammenhänge etwas aus dem Blickfeld geraten.)
Dadurch droht auch die Gefahr, kollektiv in längst vergangene Zeiten zurück zu geraten.

Als ich nach dieser „Kaputt-Phase“ wieder bequem in ein verkehrssicheres Tram einsteigen konnte und wusste, zu welcher Zeit ich meinen Arbeitsplatz erreichen würde… und als ich dann auch wieder über einen Kühlschrank verfügen durfte, konnte ich diesen Luxus so richtig geniessen!!!!


2 Kommentare

  1. Tja liebe Regina, und jetzt, wo das Tram wieder fährt und der neue Kühlschrank leise vor sich hin brummt, wird’s kälter — und den Kühlschrank hättest Du Dir sparen können *breitgrins*

  2. Es ist ja schön, dass uns Regina Rahmen an ihrem aufregenden Leben teilhaben lässt. Im Ersatzbus von Riehen nach Basel können „Lohnabhängige“ (und nur die benützen ja den ÖV…) offenbar noch richtige Abenteuer erleben. Die Kritik an Baustellen ist – nebst der Diskussion über das Wetter – eine Lieblingsbeschäftigung der apolitischen Durchschnittsbürgerin. Nur: Regina Rahmen gibt sich dem Anschein nach sonst sehr politisch. Und wüsste dann vielleicht auch, dass es an jedem Ort der Welt eine Herausforderung ist, einen Strassenabschnitt gänzlich zu sanieren. Jedenfalls freue ich mich, wenn sie demnächst ihr Konzept zu „Strassensanierungen ohne Verkehrsbehinderung“ in diesem Blog publiziert… Wahrscheinlich wäre es ihr lieber gewesen, wenn die Baslerstrasse während 6 Monaten eine Einbahnbaustelle gewesen wäre (genau dies war dem Vernehmen nach die diskutierte und glücklicherweise nicht gewählte Alternative). Dann wäre wenigstens ihr Tram gefahren, und darauf kommt’s schliesslich an. Und nicht darauf, Bauzeiten für alle möglichst kurz zu halten und sie in die Schulferien zu legen. Nebenbei: Wer sich über die „1.9 Mio. Jahre alten Busse von bernmobil“ (haha!) beklagt, hat wirklich ein Luxusproblem; erst recht wenn frau sich bis vor kurzem einen offenbar ebenso alten Kühlschrank hielt, der – dem Klima zum Wohl – endlich den Geist aufgab und einem hoffentlich etwas energie-effizienteren Gerät Platz machte. :-)

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