Nein, Herr Ruedi Rechsteiner, so nicht!

Sie haben den uneingeschränkten Respekt verdient für Ihre harte, unermüdliche und fundierte Arbeit gegen Atomkraftwerke und für die Energiewende.

Sie sind die Leuchtfigur der Anti-AKW-Bewegung und das personalisierte Lexikon für das Wissen über zukunftsträchtige Energiegewinnung .

Von der Entwicklung des real existierenden Arbeitsmarktes haben Sie als privilegierter Akademiker, Unternehmer, ehemaliger Nationalrat und Verwaltungsrat der IWB – mit Verlaub – überhaupt keine Ahnung!

Die StimmbürgerInnen, die sich mit dem wahren Inhalt der Vorlage mit dem verlogenen Titel „Masseneinwanderungsinitiative“ beschäftigten, haben diese auch aus guten Gründen abgelehnt. In Basel immerhin 61%!

Dass Sie sich aber dazu hinreissen lassen, aus Ihrer Sicht aus dem Elfenbeinturm, die Schweizer Stimmbevölkerung als dumbe Rassisten darzustellen, sprengt meine Toleranz gegenüber mehr als privilegierten Sozialdemokraten wie Ihnen.

Gerade Sie und Ihresgleichen, die gegenüber nichtakademischen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten gerne eine abgehobene Lehrerhaltung einnehmen, sollten es sich nicht zu einfach machen!

Sie wurden wie viele andere sozialdemokratische Mandatstragende Opfer der zu einfachen und Zusammenhänge missachtenden Analyse, wie sie uns linken Büezenden so gerne vorgeworfen wird!

Sie rufen in der Tageswoche doch tatsächlich aus: „Der Schweizer Pass wurde zum Arierpass!“ und zeigen damit akademisches Stammtisch-Niveau und blanke Ignoranz der tatsächlich existierenden und zunehmend unhaltbaren Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt!

Deshalb hier eine nichtakademische Nachhilfelektion in ganz besonders einfachen BüezerInnen-Worten in der Hoffnung, dass auch Sie es verstehen:

  • Die Personenfreizügigkeit mit der EU wurde vom Souverän 2005 nur gemeinsam mit den Flankierenden Massnahmen angenommen.
  • Diese Flankierenden Massnahmen wurden bis zum heutigen Tage nicht flächendeckend und schon gar nicht konsequent umgesetzt.
  • Sozialdemokratische Mandatstragende haben alle Augen zugedrückt, sich lieber anderen kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen zugewandt.
  • Es finden Arbeitsplatzkontrollen nur stichprobenartigartig, bei gut begründeten Verdachten und zum Teil sogar nach Ankündigung statt!
  • Sozialdemokratische MandatsträgerInnen beriefen sich gerne auf die Wichtigkeit und den Erfolg der FlaM – auch im Wissen darum, dass die Umsetzung mehr als massiv haperte.
  • Noch immer arbeiten 50% der Lohnabhängigen in Arbeitsverhältnissen ohne Gesamtarbeitsverträge!
  • GAV in den schlimmsten Nischen- und Problembranchen sind völlig ausgeblieben.
  • Die bisher nicht wahrzunehmenden Kontrollorgane können auch bei den offensichtlichsten Missbräuchen nicht mehr erreichen, als Empfehlungen auszusprechen….!
  • Lohnabhängige im höheren Erwerbsalter werden hemmungslos gegen junge Billiglohn-EinwanderInnen ersetzt. Beinahe überall! Tagtäglich. Weil Kündigungen aus wirtschaftlichen Gründen und auch unrechtmässige Kündigungen nach schweizerischem Arbeitsrecht rechtens sind und bleiben.
  • Sogar die gesellschaftliche Grundversorgung wird in Hungerlohnbranchen ausgelagert: Der halbherzige Widerstand der schweizerischen Linken gegen die Privatisierung (z.B. der Post CH AG) ermöglichte, dass grundversorgende Leistungen in Agenturen ohne Sozialpartnerschaft und ohne Mindeststandards und -löhne ausgelagert wurden.

Weshalb, Ruedi Rechsteiner, fällt es Ihnen so verdammt schwer, diese andere Realität und das Versagen der gescheiterten Gegenkampagne unter dem mit economiesuisse gemeinsam getragenen dämlichen und nichtssagenden Schlagwort „Abschottung“ wahrzunehmen?

Warum fällt es Ihnen so schwer zu akzeptieren, dass es vermutlich weit mehr als 20`000 Verdrängungs-Betroffene gab? Ganz offensichtlich haben sich trotzdem nicht alle zu einem Ja zu dieser SVP-Lügenpackung verleiten lassen. Sonst sähe das Resultat wohl noch wesentlich schlimmer aus!

Es ist keineswegs gelungen, den verführerischen Titel dieser unsäglichen Initiative mit seinem widersprüchlichen und verhehrenden Inhalt gemeinsam mit economiesuiesse und der verhehrend leeren Einwortbotschaft „Abschottunng“ zu entlarven.

Deshalb, lieber Ruedi Rechsteiner, haben Sie mit ihrem Holzhammer total daneben geschlagen!

Es wird wohl Zeit, vom Elfenbeinturm hinunter zu steigen und etwas mehr auf die Menschen in der ganz realen und mehrheitlichen Lebenssituation zu hören…

Sie sind auch nicht alleine gemeint. Es war doch einigermassen erstaunlich, wie ein Basler Regierungsrat und die Basler Ständerätin erst nach diesem Abstimmungs-Desaster feststellten, dass die Umsetzung der FlaM eventuelle Lücken aufweise…


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