1:7 – Vor allem eine gesellschaftspolitische Tragödie!

**Was kommt jetzt – nach dem blamablen Aus der brasilianischen Nationalmannschaft an dieser WM? Befürchtungen gehen dahin, dass nach dem „Ersticken“ der Vision nun wieder sehr schnell die Realität des brasilianischen Volkes Platz greifen wird; dass all die sozialen Probleme wieder an die Oberfläche kommen, welche sich im Vorfeld dieser WM manifestierten; dass Brasilien wieder zurück fällt in die Anarchie. Denn der grosse Traum vom WM-Titel im eigenen Land ist dahin, das Spiel um Platz drei wird keine Rolle mehr spielen. Stattdessen wird wieder die reale Angst vor dem realen Untergang aufbrechen. **

Was wir gerade eben, am späten Abend des 8. Juli 2014 erleben mussten, ist schlimm. Die brasilianische Fussballnationalmannschaft geht im Viertelfinale gegen Deutschland sang- und klanglos unter. Weinende Fans auf den Rängen, schwer enttäuschte Spieler auf dem Platz. Ein Trainer, der schon in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit beim Spielstande von 0:5 kein Rezept für eine Wende mehr hatte… Das Spiel war gelaufen, die Hoffnungen dahin.

Das Land wacht wieder auf. Und das Land wird sich wieder finden in jener brutalen Wirklichkeit von Inflation, Korruption und dem Machtkalkül der «Classe Politique».

Tote Kinder für einen Super-Event Was an diesem sporthistorischen Abend passierte, ist ein unerfreuliches Signal für die unmittelbare und mittelbare Zukunft eines Landes, das in seiner Grösse unergründlich und in seiner Kulturenvielfalt unendlich ist. Wir erinnern uns: Vor dieser Fussballweltmeisterschaft war das Land überzogen von Unruhen; von Rebellion gegen eben diesen Event der Superlative auf Kosten sozialer Probleme.

In den Favelas wurde rigoros geräumt. Kriminelle Elemente wurden eliminiert; ganze Wohngebiete wurden im Interesse des «positiven Images» dem Erdboden gleich gemacht, unzählige Menschen aus ihren Behausungen zwangsumgesiedelt um ein «sauberes Brasilien» präsentieren zu können. Ja, es gibt sogar Berichte, wonach Strassenkinder einfach erschossen wurden, damit sie den Event nicht stören können.

Spezielle Polizeieinheiten wurden aufgestellt um Friedlichkeit und Ruhe in den Favelas zu fördern. Und das alles schien sogar von Erfolg gekrönt – doch auf wessen Kosten?

Die FIFA schaute weg… Immer und immer wieder wurde der Weltfussballverband (FIFA) auf diese Ungeheuerlichkeiten hingewiesen. Doch dieser lehnte solcherlei Fakten einfach als inexistent ab: «Was nicht sein darf, ist nicht», war dessen Devise. Dem Fass den Boden ausgeschlagen hat Verbandsboss Sepp Blatter zu Beginn der WM, als er rhetorisch fragte: «Wo sind sie denn nun, die soziale Unruhen? Alles ist friedlich im Lande!».

…und die Sportwelt weiss von nichts Aber auch die Sportwelt sah – und sieht – weg. FIFA und UEFA verleugnen all das Leid, das sie einem Schwellenland bereitet haben, getreu dem Grundsatz, dass Sport und Politik nichts miteinander zu tun haben. Konsequent und ohne Rücksicht auf Verluste wird die Illusion hochgehalten, dass Sport und Politik zwei verschieden Paar Stiefel sind.

Doch schon im Verlauf dieser Veranstaltung der Superlative war unschwer zu erkennen, welch zynisches, ja verbrecherisches Verhalten dieser Verband an den Tag legt. Menschenrechte gelten nichts! Kommerz ist oberste Maxime, Geschäftsgewinn ist des Verbandes Religion. Dafür wählt er gegenüber Minderheiten Vorgehensweisen, wie wir sie aus dem Mittelalter kennen: Zwangsvertreibungen, Kindstötungen!

Natürlich: Vordergründig hat man damit nichts zu tun. Im Gegenteil: man verurteilt solche Exzesse explizit. Und wenn sie denn vorkommen, «bedauert» man sie.

Nur: nichts darf das kommerzielle Geschäft stören… Auch nicht irgendwelche «dahergelaufenen» Strassenhändler, welche an eben diesen Plätzen schon seit Jahren ihr Überleben sichern…

Moskau 2018, Katar 2022 Dasselbe Muster lässt sich auch bei den kommenden Austragungen von Fussballnationalmannschaften erkennen. Sowohl Moskau als auch Katar sind Staaten, deren Regime totalitär agieren. Kann man im Fall Moskau hinsichtlich der äusseren Bedingungen noch einen Grad an Vernunft zuweisen, ist dieser im Fall von Katar vollkommen ad absurdum geführt. Denn in Katar sind schon allein die klimatischen Voraussetzung schlicht verwerflich!

**Aber das ist – in Anbetracht viel schwerwiegenderer Probleme – eigentlich nur ein Nebenschauplatz. Viel gravierender sind in beiden Fällen die Menschenrechtlichen Bedingungen. **

In beiden Staaten agieren totalitäre Regime. In beiden Staaten werden systematisch Menschenrechte verletzt, Frauen diskriminiert. In beiden Staaten herrscht Korruption. Die «Unterklasse» wird systematisch unterdrückt. Wer nicht pariert, setzt sich dem Risiko der Folter aus. Derweil suhlt sich die dünne Oberschicht schamlos in unbegrenztem Reichtum.

Und auch hier schaut die FIFA unter deren Chef, Sepp Blatter, geflissentlichst weg. Denn es sind genau diese elitären Bonzen, welche Sepp Blatter für seine Wiederwahl braucht. Zwar behauptet er und seine Bande immer wieder, den Menschenrechten besondere Beachtung zu schenken. Doch das sind leere Worthülsen! Diese «Kaste» interessiert es keinen Deut, dass das in den schützenswerten Urwald gesetzte Stadion im Süden Brasiliens nach diesem Mega-Event keine Maus mehr interessiert. Es interessiert sie auch nicht mehr, was nach der WM mit all Jenen geschieht, die im Vorfeld der WM entwurzelt und gewaltsam vertrieben wurden.

Die Milliarden sind geflossen – nach mir die Sintflut! All die vorgeschobenen «sozialen» Projekte der Fussballverbände verflüchtigen sich zu Schall und Rauch, sobald das «Fest» gelaufen ist. Blatter und seine Entourage sonnen sich in ihrem vermeintlichen Erfolg und lassen geflissentlichst ihre blutverschmierten Finger von den verheerenden Nachwirkungen ihres schändlichen Tuns.


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