Essen und Schlafen

**Es ist und bleibt ein Mysterium: Wenn von Menschen in Armut, vor allem aber von Obdachlosen geredet oder geschrieben wird, dann dreht sich in der Regel alles um Essen und Schlafen. Das Bewusstsein für tiefer gehende Bedürfnisse kommt erst, wenn ich als einer der drei Surprise-Stadtführer in Basel die Gäste der Sozialen Stadtrundgänge während der Tour auf all das hinweise, was es gibt – und was eben nicht. **

Essen gibt es immer irgendwo, gutes und gesundes Essen sogar! Frühstück und Nachtessen etwa gibt die Gassenküche am Lindenberg, nahe dem Wettsteinplatz von Montag bis Freitag aus. Zudem kann man sich dort am Sonntag zwischen neun und elf Uhr zum Brunch treffen. Mittagessen gibt es sowohl im «Treffpunkt Glaibasel» (Feldbergstr. 148) als auch im Tageshaus für Obdachlose (Wallstr. 16). Zusätzlich bietet die evangelisch reformierte Kirche Basel-Stadt mit dem «Sonntagszimmer» ein sehr attraktives Angebot für jenen Tag, an dem eben sonst fast nichts geht. Oder nicht mehr, nachdem kürzlich im Basler Grossen Rat die Entscheidung gegen eine Unterstützung des Soup & Chill gefallen ist, wie unter anderem auch die bz BASEL berichtete.

Das ist denn auch der Knackpunkt. Wer sich nicht vertieft mit dieser Thematik befasst, bleibt am Plakativen hängen. Und dieses Plakative ist eben: «Obdachlose brauchen Essen und Schlafen».

Doch wie oben skizziert ist das nicht das wirkliche Problem. Dieses liegt tiefer. Menschen am unteren Rand der Gesellschaft brauchen Rückzugsmöglichkeiten. Das ist nicht anders als bei allen anderen in mehr oder minder unbelasteten Lebenslagen. Diese besondere gesellschaftliche «Randgruppe» ist aber nicht in der Lage, sich diese Räume von Privatheit und Rückzug dann zu greifen, wenn ihnen danach ist, wie das in der «normalen» Gesellschaft machbar ist.

Hier greifen die oben skizzierten Institutionen. In ihrer individuellen Unterschiedlichkeit bieten sie letzten Endes doch ein Netz, das mehr abdeckt als nur Essen und Schlafen. In sich unterscheidenden Vorgehensweisen sorgen all diese Einrichtungen dafür, dass Armutsbetroffene in Anstand und Würde leben können – trotz ihrer unerfreulichen Lebensumstände. Und mit der Absage an «Soup & Chill» brach ein ganz wichtiger Teil dieses Netzes weg.


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