Herzlichen Glückwunsch, Schweiz

**Es ist wieder soweit. Die Schweiz feiert ihren Nationalfeiertag. Vielerorts wird der gesellschaftliche Teil schon am Vorabend mit viel Feuerwerk lautstark gefestet. Am Abend der eigentlichen «Bundesfeier» werden dann wieder hehre Reden geschwungen. Schlagworte wie «Solidarität» und «Nationalbewusstsein» werden durch Städte und über Hügel hallen. **

Die Rhetorik wird schärfer in und um Europa. Aber nicht nur die diplomatische Tonalität kommt zunehmend kälter daher. Real nähern sich Konfliktherde immer mehr jenem Europa, das noch bis vor kurzem das Fähnlein des «ewigen Friedens» hoch gehalten hat.

Russland tut alles, um wieder zur Weltmacht zu werden. Und nimmt billigend in Kauf, dass an seinen Aussengrenzen gewalttätige Konflikte um sich greifen und immer mehr Tote und Vertriebene erzeugt werden. Der «Arabische Frühling» verkam in den letzten Monaten und Jahren zum «Arabischen Glutofen» von Gewalt und Gegengewalt. Überall wird grob fahrlässig gezündelt. Werte wie Friede und Völkerverständigung degenerieren zu hohlen Phrasen.

Dem kann sich die Schweiz eher über kurz als über lang nicht entziehen.

Und sie tut es auch gar nicht. Zwar wird nach wie vor mit in Watte verpackten Floskeln die grosse Einheit unseres Landes proklamiert. Doch real ist es damit schon längst vorbei. Mit Nachdruck verfolgt die politische Rechte einen Kurs in die Isolation. Man denke nur an den verhängnisvollen 9. Februar dieses Jahres. Man denke aber auch an die noch härtere «Ecopop»-Initiative, welche im kommenden November dem Volk vorgelegt wird. Und man bedenke ebenfalls das neue Initiativ-Vorhaben der SVP: Wenn es nach diesem Begehren geht, dann wird in der Schweiz nur noch ein Asylverfahren bekommen, wer sich die Reise hierher im Flugzeug leisten kann. Das sind isolationistische Bestrebungen mit dem Ziel, unser Land nach aussen dicht zu machen.

Ebenso vehement wird ein auf Vernunft und Kooperation basierendes Nebeneinander zwischen Europa und der Schweiz torpediert. Gewissen Kreisen ist es egal, wenn wir nicht mehr mitmachen können in grenzübergreifenden Einrichtungen. Im Bildungsbereich etwa oder generell in der Personenfreizügigkeit laufen aus der rechten Ecke Bestrebungen, diese einfach zu kappen und so gegen die legitimen Interessen unseres Landes zu arbeiten.

Land der Freiheit Doch heute, gewissermassen am Geburtstagsfest unseres Landes, wird all das entweder ausgeblendet oder schön geredet.

Und auch in diesem Lande, welches sich nach wie vor seiner Freiheit und Solidarität rühmt, sind deutliche Anzeichen der Entsolidarisierung zu erkennen. Immer mehr werden jene Menschen, deren Löhne auch bei Vollzeitarbeit nicht mehr reichen um die täglichen Grundbedürfnisse zu decken. Diese wursteln sich irgendwie über die Runde und geraten oft unweigerlich in die Schuldenfalle. Oder aber sie nehmen ihr gesetzlich verankertes Recht auf staatliche Unterstützung wahr – und stellen dann ernüchtert fest, dass sie immer weniger von dieser verbrieften Unterstützung bekommen. Wohnungsmieten und Krankenkassenprämien können nicht mehr aufgebracht werden. Die Folge sind oft Wohnungslosigkeit und damit ein Leben auf der Strasse.

«Die Stärke einer Gesellschaft zeigt sich im Umgang mit ihrem schwächsten Mitglied.» ** Dieser Satz verkommt immer mehr zur reinen Theorie. Denn die aktuellen Bestrebungen politisch Verantwortlicher gehen dahin, auch diese durch alle Netze gefallenen Menschen aus dem öffentlichen Bewusstsein hinaus zu drängen. In den Städten werden immer öfter durch mehr oder minder augenfällige bauliche Massnahmen Plätze und Parks für von der Gesellschaft Verdrängte schwer zugänglich gemacht. Erst kürzlich zirkulierte in den Social-Media das Bild vom Vorplatz eines Einkaufszentrums, welcher mit nach oben spitzen Stahlzacken gespickt wurde, um sich auf diese Weise «des Problems» zu entledigen. Soweit sind wir hier in Basel zwar – **noch – nicht. Aber auch hier gibt es entsprechende Bestrebungen, wenn etwa ein bekannter liberaler Politiker die Entfernung von Sitzgelegenheiten und deren Ersatz durch Blumenrabatten oder Wasserspiele fordert.

Wenn wir heute also allenthalben neben den vielen 1.August-Feuern Worte wie «Solidarität» oder «Gemeinsame Werte der Gesellschaft» hören, dann seien wir uns der Bedeutung dieser Worte bewusst und hauchen wir sie nicht einfach durch Lautsprecheranlagen um sie dann vom nächsten lauen Lüftchen zerstäubt zu wissen.

Eine solidarische Gesellschaft funktioniert nur, wenn sie sich für ALLE Mitglieder dieser Gesellschaft versteht – und nicht nur für eine «handverlesene» Elite.

Wenn uns das gelingt, dürfen wir von einer «solidarischen, in sich gefestigten Schweiz» reden und uns zurufen:

«HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, SCHWEIZ»!


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