Die Ecopop-Intitiative: Birkenstock-Rassismus oder unreflektierte Überreaktion?

Kinderreichtum gilt in den meisten Kulturen und Religionen als Segen und ist untrennbar verwoben mit wirtschaftlichen, politischen, sozialen und metaphysischen Begehrlichkeiten und Zielen.

Nur Bildung, Einrichtung von Altersvorsorge und Zugang zu Verhütungsmitteln kann den Gebärzwang von armen Frauen stoppen.

In der Schweiz nahm nicht zuletzt der ehemalige Bundesrat Pascal Couchpin die Bürgerinnen in die Pflicht, mittels Gebärfreudigkeit die AHV zu retten. Auch wenn dieses gesunde Altersvorsorgesystem so viel besser funktioniert als uns privatisierungsgläubige Polit-Profiteure von privatrechtlichen Aktiengesellschaften glauben lassen wollen.

Am 25.12.1989 wurde in Europa ein Diktator standrechtlich erschossen, der nebst unerträglichen schrecklichen und unaussprechlichen Grausamkeiten von den Rumäninnen verlangte, mindestens sechs Kinder zu gebären. Um Selbstbestimmung und Abtreibung von künftigen Dienerinnen und Soldaten des von Nicolae Ceaușescu geplanten grossrumänischen Reiches zu verhindern, musste sich jede Rumänin im gebärfähigen Alter jährlich gynäkologisch zwangsuntersuchen lassen. Die Bilder der verstossenen Kinder, die in Höhlen des verotteten Kanalisisatonssystems von Bukarest hausten, bleiben in unser Gedächtnis eingebrannt.

Die deutsche Ministerin Ursula van der Leyen, die ihre Gebärfähigkeit als privilegierte Akademikerin mit sieben Kindern deutlich bewies, brachte 2010 eine elitäre Idee ins Gespräch, die als „Akademikerinnen-Wurfprämie“Politgeschichte schrieb. Selbstverständlich ist sie gescheitert.

In boomenden Ländern wie Indien existieren keine Altersvorsorge-Einrichtungen, die die Unabhängigkeit der materiell unterprivilegierten Bevölkerungsmehrheit von ihren Nachkommen im Alter vorsieht.

Die Reproduktionsmedizin ist ein Wirtschaftszweig, der boomt. Nicht fruchtbare Menschen in starken wirtschaftlichen Verhältnissen kaufen sich Reproduktion über medizinische Fertilitätsunternehmen und Billig-Leihmütter in armen Ländern ein. Darüber gibt es ethisch-politische Randdiskussionen in demokratischen Ländern, die nur wenige interessieren.

Offen bleibt dabei die Frage, ob manche von ihnen nicht eher psychiatrische Hilfe, als solche von Reproduktionsmedizinern suchen sollten. In der „freien westlichen Welt“ gibt es Menschen, die ihren rest-archaischen Lebensentwurf einkaufen und Anbieter, die die Erfüllung gewinnbringend zum Verkauf anbieten.

Ethik, Sinn und Vernunft werden den wirtschaftlichen Interessen ganz selbstverständlich untergeordnet.

In vielen afrikanischen Ländern ist das Überleben im Alter einzig davon anhängig, dass mindestens ein Kind ein Erwerbseinkommen erzielen kann, dass es erlaubt, den Eltern ein Alter in Würde zu ermöglichen. Es gibt auch Kulturen, in der der Mensch nur als kinderreiche Mutter oder Potenz bewiesener Mann ihren/seinen Platz in der Gesellschaft finden kann. Möglicherweise spüren „westliche“ Kundinnen und Kunden von reproduktionsmedizinischen Firmen einen ähnlichen Druck.

Zanskar, ein kleiner Himalaya-Staat mit eingeschränkter Bodenfruchtbarkeit löste das Problem des unerwünschten Bevölkerungswachstums über Jahrhunderte über Polyandrie. Frauen heirateten automatisch mit ihrem Geliebten auch alle seine Brüder. Eine Form der Geburtenkontrolle vor Erfindung der Antibabypille, um den relativen Wohlstand einer Gemeinschaft zu erhalten. Bevölkerungswachstum hätte Hunger zur Folge gehabt.

Unangesprochen bei den emotionalen und an Schlagworten reichen Nichtdiskussionen um die Ecopop-Initiative bleibt die bekannte Tatsache, dass in allen Kontinenten und allen Ländern – von der Schweiz bis Swaziland, von Utah bis Uganda, von Pakistan bis Papua-Neuguinea oder Myanmar bis Mikronesien der Kinderreichtum einen direkten Zusammenhang mit Bildung, sozialer Vorsorge und der Freiheit zur Selbstbestimmung der Menschen zu tun hat.

Kinder- und Bevölkerungsreichtum hat im Zeitalter des globalisierten Kapitalismus offensichtlich vor allem einen wirtschaftlichen Wert nach der Regel von Angebot und Nachfrage. Umso mehr Menschen gleichzeitig ein Auskommen suchen, umso tiefer sinkt ihr Wert in der Arbeitswelt der zunehmenden kapitalistischen, globalen Wirtschaftsdiktatur.

Die Ecopop Initiative, die am 30. November zur Abstimmung kommt, hat viele zum Hyperventilieren gebracht.

Deutlich braun gefärbte und verachtenswerte Statements wurden abgegeben, von anderen Menschenverachtung und Rassismus moniert.

Sicher ist, dass die stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer keinen wirksamen Entscheid zum weltweiten Bevölkerungswachstum werden treffen können.

Die Zusammensetzung des Initiativkomitees lässt ebenfalls berechtigte Zweifel am humanistischen und ökologischen Ziel aufkommen.

Um sich jedoch ein Urteil zur Abstimmungsvorlage zu bilden, hilft kein Zeitungsartikel, keine Arena des SRF und keine Skandalisierung.

**Überlegende StimmbürgerInnen müssen sich ihr Urteil alleine auf Basis des Initiativtextes und der vorgesehenen Verfassungsänderung bilden. **

Oder allenfalls ihre juristisch bewanderten Bekannten zu Rate ziehen – weil Absatz 4 des vorgeschlagenen Verfassungsartikels 73a Fragen offen lässt.

4 Er (der Bund) darf keine völkerrechtlichen Verträge abschliessen, die gegen die Bestimmungen dieses Artikels verstossen oder Massnahmen verhindern oder erschweren, die zur Erreichung der Ziele dieses Artikels geeignet sind.

Könnten damit auch humanitäre Notaktionen verhindert werden?Wer setzt sich für die berufliche Weiterbildung von Lohnabhängigen aller Altersgruppen in der Schweiz ein, wenn diese Kostenübernahme weiterhin von Wirtschaft und Staat verweigert werden? Kann sie die Weiterbildungsoffensive für ältere Lohnabhängige in der Schweiz auslösen oder werden die 0,2% Bevölkerungszuwachs jährlich einzig durch den Einlass von neuen Bildungsbürgern aus anderen Ländern auf Kosten der Steuerzahlenden der Nachbarländer abgedeckt – so wie bisher?

**Wir Stimmbürgerinnen werden in der Kakofonie des argumentativen Brüllens und verschämten Schweigens auf unser eigenes Urteil zurück geworfen. **

Die Basis für unser Ja oder Nein zur Ecopop Initiative kann nur die Kenntnis und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Initiativtext sein.

Dieser enthält in sich – und das darf auch mal erwähnt sein – keine fremdenfeindliche Elemente und ist nicht mit nationalistisch-populistischen Vorlagen der jungen Vergangenheit vergleichbar.


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