Ich bin beruflich viel mit dem Zug unterwegs und hatte über längere Zeit ein Generalabonnement 1. Klasse. Nicht aus Luxusgründen, sondern weil ich im Zug arbeite und zu Stosszeiten oft froh bin um etwas mehr Platz und Ruhe. Gleichzeitig hatte ich schon länger das Gefühl, dass dieses Abo im Alltag oft überdimensioniert ist. Im Tram, im Bus oder auf kurzen Strecken bringt mir die 1. Klasse schlicht nichts, und selbst im Regionalverkehr ist sie häufig irrelevant.

Als ich vom neuen MyRide-Modell gehört habe, das aktuell in der Schweiz getestet wird, habe ich mich entschieden, mein GA zu kündigen und MyRide auszuprobieren. Nicht als einmaligen Versuch, sondern als ernsthafte Alternative. Ich bin weiterhin vollständig mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs, habe kein Auto und nutze Bus, Tram und Zug täglich. Ich bin aktuell noch Teilnehmer dieses Tests und mitten in der laufenden Erfahrung.

Was MyRide ist und warum es entwickelt wird

MyRide ist ein neues Tarifmodell für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz. Entwickelt wird es von der Alliance SwissPass zusammen mit der SBB, PostAuto und verschiedenen Verkehrsverbünden. Der Hintergrund ist die enorme Komplexität des heutigen Tarifsystems mit Zonen, Strecken, Abos und Spezialregeln. MyRide soll langfristig einen einfacheren, transparenteren Zugang zum öV ermöglichen.

Das Grundprinzip ist einfach: Man fährt zuerst und bezahlt danach. Statt Tickets oder Abos im Voraus zu kaufen, wird jede Fahrt automatisch erfasst und über eine Abrechnungsperiode von 30 Tagen zusammengefasst. Das System befindet sich aktuell in einer mehrjährigen Testphase. Falls MyRide später eingeführt wird, soll es über längere Zeit parallel zum bestehenden System laufen.

Wie das Bonus-System wirklich funktioniert

Das Bonus-System von MyRide besteht aus zwei Ebenen, die ineinandergreifen und im Alltag überraschend transparent sind. Der erste Effekt greift täglich und ist direkt mit der gefahrenen Distanz verbunden. Je mehr Kilometer du an einem einzelnen Tag zurücklegst, desto günstiger wird der durchschnittliche Kilometerpreis für diesen Tag. Der Kilometerpreis ist also nicht fix, sondern wird dynamisch berechnet. Fährst du nur kurz, ist der Preis pro Kilometer höher. Fährst du viel, verteilt sich der Grundpreis auf mehr Distanz, wodurch jede zusätzliche Strecke im Schnitt günstiger wird. Dieser Effekt ist sofort sichtbar und wird dir in der App in Echtzeit angezeigt.

Darauf baut die zweite Ebene auf, der Bonus über die Abrechnungsperiode von 30 Tagen. MyRide sammelt alle Tageskosten und zeigt dir laufend an, wie hoch dein aktueller Bonus ist. Je intensiver du den öffentlichen Verkehr über diese Periode nutzt, desto höher fällt dieser Bonus aus. Wichtig ist dabei: Du siehst den Bonus jederzeit live in der App, er wird aber erst am Ende der Abrechnungsperiode effektiv von der Gesamtsumme abgezogen und verrechnet.

In der Praxis bedeutet das, dass MyRide dein Mobilitätsverhalten sowohl kurzfristig als auch langfristig belohnt. Viel fahren an einem einzelnen Tag senkt den Tagesdurchschnitt, regelmässiges Fahren über den Monat erhöht zusätzlich den Gesamtbonus. Dadurch entsteht ein System, das sehr fair wirkt, weil es weder einzelne Fahrten isoliert betrachtet noch dich zu einem fixen Abo zwingt.

Meine Zahlen aus dem ersten Monat

In meinem ersten Monat mit MyRide wurden mir effektiv 410.48 CHF belastet. Die reinen Fahrkosten hätten 764.63 CHF betragen. Durch das Bonus-System wurden mir 369.25 CHF gutgeschrieben und direkt abgezogen. Zum Vergleich: Mein früheres Generalabonnement 1. Klasse kostete mich rund 560 CHF pro Monat.

Mein Mobilitätsverhalten hat sich dabei nicht verändert. Ich war gleich oft unterwegs, habe weiterhin berufliche Termine wahrgenommen und den öV auch privat genutzt. Trotzdem lagen meine effektiven Mobilitätskosten im ersten Monat mit MyRide rund 150 CHF tiefer als zuvor.

MyRide Abrechnungsübersicht

Flexibilität zwischen 1. und 2. Klasse im Alltag

Ein grosser Vorteil von MyRide ist die Freiheit, vor jeder Fahrt neu zu entscheiden, ob man in der 1. oder 2. Klasse unterwegs sein will. Wenn ich früh morgens unterwegs bin und der Zug sehr voll ist, checke ich mich in der 1. Klasse ein. Wenn ich abends spät zurückfahre und der Zug fast leer ist, reicht mir die 2. Klasse völlig.

Diese Flexibilität passt deutlich besser zu meinem Alltag als ein fixes Abo. Gerade im städtischen Verkehr oder auf kurzen Strecken ist ein 1. Klasse-Abo oft irrelevant. Auch in S-Bahnen oder Regionalzügen fühlt sich ein fixes Premium-Abo schnell übertrieben an. MyRide erlaubt mir, situativ zu entscheiden, ohne mich dauerhaft festzulegen.

Technischer Blick auf MyRide

Aus technischer Sicht ist MyRide besonders spannend. Das System basiert vollständig auf Check-in und Check-out über eine Smartphone-App. Die App erfasst Zeitpunkt, Strecke und genutzte Verkehrsmittel und ordnet diese korrekt dem öV-Netz zu. Im Hintergrund werden die Daten verarbeitet und für die Abrechnung verwendet.

Im Alltag funktioniert das bisher sehr zuverlässig. Ich hatte keine falsch erfassten Fahrten, keine doppelten Abrechnungen und keine technischen Ausfälle. Gerade als jemand, der beruflich auf funktionierende Systeme angewiesen ist, schaue ich hier sehr genau hin.

Spannend ist auch der Ansatz, dass MyRide nicht mehr auf Tarifzonen oder fixe Strecken setzt, sondern auf effektive Distanz. Das fühlt sich moderner an und passt besser zu einer digitalen Infrastruktur, in der Nutzung wichtiger ist als Besitz.

Ein offenes Fazit

MyRide ist kein reines Sparmodell und auch keine Lösung nur für frühere GA-Besitzer:innen. Es kann für Viel-, Gelegenheits- und Wenigfahrer:innen interessant sein, je nach persönlichem Mobilitätsverhalten. Wer selten fährt, profitiert von der Einfachheit ohne Abo. Wer viel fährt, kann durch das Bonus-System sparen. Und wer flexibel unterwegs sein will, gewinnt vor allem Freiheit.

Für mich persönlich funktioniert MyRide aktuell sehr gut. Ich bin gleich mobil wie vorher, habe mehr Entscheidungsfreiheit und tiefere Kosten. Ob das langfristig so bleibt, wird sich zeigen. Aber schon jetzt zeigt sich, dass alternative Tarifmodelle im Schweizer öV nicht nur möglich, sondern sinnvoll sein können.