Brave Origin: Endlich ein dritter Browser, der einfach nur Browser sein will

Brave Origin: Endlich ein dritter Browser, der einfach nur Browser sein will
Photo by Denny Müller / Unsplash

Seit Jahren gibt es für mich genau zwei Browser, die ich ernsthaft empfehlen kann: Firefox und Google Chrome. Nicht, weil die anderen technisch schlecht wären, sondern weil sie alle dasselbe Problem haben. Sie wollen mehr sein als ein Browser. Vivaldi liefert einen E-Mail-Client, RSS-Reader und Messenger-Seitenleisten mit. Opera verzichtet zwar auf den Mail-Client, dafür gibt es dort einen KI-Assistenten, eine eigene Arbeitsspeicher-Steuerung und ähnlichen Unsinn, der eigentlich Aufgabe des Betriebssystems wäre. Brave packte bisher Krypto-Wallet, Rewards, VPN, Tor-Integration und neuerdings auch noch einen KI-Assistenten in die Standardinstallation. Microsoft Edge treibt es noch weiter: Copilot klebt an jeder Ecke der Oberfläche, und der Browser verbessert Grafiken sogar ungefragt per KI-Upscaling. Aus Sicht eines Webentwicklers ist das ein Albtraum. Ich liefere sorgfältig optimierte Bilder aus und kann mich nicht mehr darauf verlassen, dass der Browser sie so darstellt, wie sie vom Server kommen. Ich will aber keinen Schweizer Taschenmesser-Browser und erst recht keinen, der eigenmächtig in meine Inhalte eingreift. Ich will ein Werkzeug, das Webseiten rendert, und zwar gut.

Dazu kommt bei mir als Linux-Nutzer ein zweites Kriterium, das überraschend viele Browser nicht erfüllen: die Integration ins System-Theme. Vivaldi und Opera erkennen schlicht nicht, ob mein Desktop im Light- oder Dark-Mode läuft (egal ob Gnome oder KDE). Das klingt nach einer Kleinigkeit, nervt im Alltag aber jedes Mal aufs Neue, wenn sich abends ein grell weisses Fenster öffnet.

Am 4. Juni hat Brave nun die Stable-Version von Brave Origin veröffentlicht, und ich darf nach einigen Wochen mit Nightly, Beta und jetzt Stable sagen: Es gibt einen dritten Browser auf meiner Liste.

Was ist Brave Origin?

Brave Origin ist im Kern der bekannte Brave-Browser, aber ohne all das, was Brave in den letzten zehn Jahren angesammelt hat. Kein Leo-KI-Assistent, kein Krypto-Wallet, keine Rewards, kein VPN, keine Tor-Integration, kein Brave News, kein Talk. Was bleibt, ist das, was Brave wirklich gut kann: die Shields, also der eingebaute Werbe- und Tracker-Blocker, kombiniert mit der Chromium-Basis und regelmässigen Sicherheits-Updates.

Technisch interessant ist dabei der Unterschied zwischen den beiden Varianten, in denen Origin angeboten wird. Wer den bestehenden Brave-Browser auf Origin upgradet, erhält ein neues Einstellungs-Panel, in dem sich die Zusatzfunktionen einzeln abschalten lassen. Die Standalone-Version geht einen Schritt weiter: Hier sind die Features gar nicht erst im Binary enthalten, sie wurden beim Kompilieren entfernt. Der Code für Wallet, Leo und Co. existiert in der ausführbaren Datei schlicht nicht. Das ist nicht nur Kosmetik, sondern ergibt einen tatsächlich schlankeren Browser. Ich nutze selbstverständlich die Standalone-Variante.

Bildschirmfoto der "Neuen Tab" Seite bei Brave Origin
Brave Origin präsentiert sich schlank und simpel

Erfreulich ist auch, dass Origin die Unterstützung für Manifest-v2-Erweiterungen beibehält. uBlock Origin läuft also nativ und ohne Entwickler-Flags, was man von Chrome bekanntlich nicht mehr behaupten kann.

Der Preis und das Geschäftsmodell

Brave Origin kostet 59.99 Dollar als Einmalzahlung. Das hat im Netz für einige Diskussionen gesorgt, nach dem Motto: Wieso soll ich dafür bezahlen, dass Funktionen entfernt werden, die ich nie wollte? Ich sehe das anders. Die ganzen Zusatzfunktionen im normalen Brave sind genau die Komponenten, mit denen das Unternehmen Geld verdient. Wer sie nicht will, entzieht dem Projekt die Einnahmequelle. Dass Brave dafür einen fairen Einmalbetrag verlangt statt eines Abos, finde ich konsequent und ehrlich. Software-Entwicklung kostet Geld, und ich bezahle lieber direkt, als indirekt über Krypto-Token und gesponserte Startseiten.

Für uns Linux-Nutzer gibt es zudem eine schöne Überraschung: Auf Linux ist Brave Origin kostenlos. Wer das Projekt trotzdem unterstützen möchte, kann freiwillig eine Lizenz kaufen. Auch das ist eine Geste, die ich der Firma hoch anrechne.

Der Alltag: unspektakulär im besten Sinne

Nach einigen Wochen im täglichen Einsatz, zuerst mit der Nightly, dann der Beta und nun der Stable, ist mein Fazit erfreulich unspektakulär. Origin startet schnell, rendert sauber und hält sich auf meinem Fedora-System korrekt an das System-Theme. Wechsle ich in den Dark-Mode, zieht der Browser sofort mit. Genau das, woran Vivaldi und Opera seit Jahren scheitern.

Die Oberfläche ist aufgeräumt. Keine Wallet-Icons, keine Rewards-Dreiecke, keine KI-Buttons, die ich erst wegkonfigurieren muss. Es fühlt sich an wie Chrome ohne Google, mit einem erstklassigen Adblocker ab Werk. Die Shields arbeiten zuverlässig und die Performance ist auf dem Niveau, das man von einem aktuellen Chromium erwartet.

Stolperstein: 1Password

Ein Problem hatte ich allerdings, und zwar mit der 1Password-Integration. Die Browser-Erweiterung wollte sich partout nicht mit der Desktop-App verbinden. Der übliche erste Schritt bei einem neuen Chromium-Browser unter Linux ist, ihn in die Liste der erlaubten Browser einzutragen. Dazu legt man die Datei /etc/1password/custom_allowed_browsers an und schreibt den Binary-Namen hinein:

brave-origin

Dieser Eintrag ist nach wie vor zwingend nötig, reichte bei mir aber nicht aus. Die Verbindung kam trotzdem nicht zustande. Der Grund: 1Password legt seinen Native-Messaging-Host nur im Konfigurationsverzeichnis des regulären Brave-Browsers ab, nicht in jenem von Origin. Die Lösung ist ein Symlink:

mkdir -p ~/.config/BraveSoftware/Brave-Origin/NativeMessagingHosts/
ln -s ~/.config/BraveSoftware/Brave-Browser/NativeMessagingHosts/com.1password.1password.json \
      ~/.config/BraveSoftware/Brave-Origin/NativeMessagingHosts/com.1password.1password.json

Danach Browser neu starten, und die Verbindung zwischen Erweiterung und Desktop-App funktioniert einwandfrei. Ich gehe davon aus, dass 1Password den neuen Browser früher oder später offiziell unterstützt, bis dahin hilft dieser Workaround.

Fazit

Brave Origin ist für mich die erfreulichste Browser-Neuerscheinung seit langem. Nicht, weil der Browser irgendetwas revolutionär Neues könnte, sondern gerade weil er es nicht tut. Er ist ein Browser, nicht mehr und nicht weniger. Schnell, privat, mit erstklassigem Adblocker, sauberer Theme-Integration unter Linux und ohne den Funktions-Ballast, der mich bei der Konkurrenz seit Jahren stört.

Firefox bleibt für mich gesetzt, schon allein der Engine-Vielfalt wegen. Aber wenn es ein Chromium sein soll, steht Brave Origin ab sofort auf meiner Empfehlungsliste.