Seit dem 29. September 2026 sieht Firefox anders aus. Mit Version 157 hat Mozilla das neue Design «Nova» für alle freigeschaltet: runde Tabs, sanfte Farbverläufe, zwölf Themes und sogar der Kompaktmodus ist zurück. Auch als Chrome Nutzer finde ich das schön. Als Webentwickler habe ich beim Lesen der Release Notes aber vor allem nach etwas anderem gesucht, und es nicht gefunden.
Denn hinter der frischen Fassade steckt ein Problem, das mich im Arbeitsalltag immer öfter beschäftigt: Wenn ich heute eine moderne Webseite baue, ist es selten Chrome oder Safari, auf das ich Rücksicht nehmen muss. Es ist Firefox. Funktionen, die in den anderen Browsern seit Jahren laufen, fehlen in Firefox noch immer oder kommen mit grosser Verspätung. Das erinnert mich an eine Zeit, an die kein Webentwickler gerne zurückdenkt. Ist Firefox also der neue Internet Explorer? Ich habe nachgezählt.
Drei Engines für das ganze Web
Um das Problem zu verstehen, musst du wissen, dass es heute im Wesentlichen nur noch drei Browser Engines gibt. Eine Engine ist der Teil eines Browsers, der HTML, CSS und JavaScript liest und daraus die Webseite auf deinem Bildschirm macht. Alles andere, also Tabs, Lesezeichen oder eben das neue Nova Design, ist nur die Hülle darum.
Die grösste Engine ist Chromium mit seiner Rendering Engine Blink. Sie steckt nicht nur in Google Chrome, sondern auch in Microsoft Edge, Opera, Vivaldi, Brave und vielen weiteren Browsern. Die zweite ist WebKit von Apple, die Safari antreibt und auf dem iPhone bis heute in allen Browsern steckt. Die dritte ist Gecko von Mozilla, und die gibt es praktisch nur in Firefox und seinen Ablegern wie LibreWolf oder Zen.
Neue Webstandards werden zwar gemeinsam beim W3C und der WHATWG festgelegt, aber jede Engine baut sie selbst ein. Für mich als Entwickler zählt am Ende nur eine Frage: Kann ich eine Funktion einsetzen, ohne dass sie in einem der drei Browser kaputt geht? Genau dafür gibt es seit 2023 das Label "Baseline". Eine Funktion gilt erst dann als Baseline, wenn sie in allen drei Engines ausgeliefert ist. Und hier wird es spannend, denn in den letzten Jahren war es auffällig oft Firefox, auf den alle gewartet haben.
Die Belege: Wer kam wann?
Ich habe mir die wichtigsten neuen Webfunktionen der letzten Jahre angeschaut und nachgeschlagen, wann welcher Browser sie standardmässig ausgeliefert hat. Das Muster ist deutlich: Bei elf der zwölf Funktionen war Firefox der letzte Browser, oft mit zwei bis vier Jahren Abstand. Bei drei Funktionen wartest du auch mit dem brandneuen Firefox 157 noch immer.
| Funktion | Zuerst da | Firefox |
|---|---|---|
:has() |
Safari, März 2022 | Dez. 2023 (121), 21 Monate später |
@property |
Chrome, Aug. 2020 | Juli 2024 (128), fast 4 Jahre später |
| Popover API | Chrome, Mai 2023 | April 2024 (125), 11 Monate später |
| Navigation API | Chrome, Mai 2022 | Jan. 2026 (147), 3,5 Jahre später |
| View Transitions in einer Seite | Chrome, März 2023 | Okt. 2025 (144), 2,5 Jahre später |
| Anchor Positioning | Chrome, Mai 2024 | Jan. 2026 (147), 20 Monate später |
| Container Style Queries | Chrome, März 2023 | Mai 2026 (151), gut 3 Jahre später |
field-sizing |
Chrome, März 2024 | Juni 2026 (152), 27 Monate später |
| WebGPU | Chrome, Mai 2023 | Juli 2025 (141), unter Linux bis heute nicht |
| View Transitions zwischen Seiten | Chrome, Juni 2024 | fehlt bis heute |
| Scroll-driven Animations | Chrome, Juli 2023 | fehlt bis heute |
Anpassbares <select> |
Chrome, April 2025 | fehlt bis heute |
Die Daten stammen aus den MDN Browser Compat Data (Stand 1. Oktober 2026), auf denen auch MDN und Can I use aufbauen, sowie aus den Firefox Release Notes for Developers. In Klammern steht die Firefox Version. Der Rückstand ist vom ersten Browser aus gerechnet, der die Funktion ausgeliefert hat. Safari kam meistens als zweiter Browser, oft mit einem Jahr Abstand zu Chrome, aber vor Firefox. Ausnahmen sind :has(), wo Safari zuerst da war, und WebGPU, wo Firefox Safari knapp zuvorkam.
Was steckt hinter diesen Funktionen?
Die Namen in der Tabelle klingen nach Fachchinesisch, deshalb kurz und ohne Code, was sie tun und warum sie für eine Webseite wichtig sind.
Mit :has() kann ein Element auf seinen Inhalt reagieren. Eine Karte kann zum Beispiel anders aussehen, sobald sie ein Bild enthält, oder ein Formular rot werden, sobald darin ein Feld falsch ausgefüllt ist. Früher brauchte es dafür JavaScript. @property erlaubt es, eigenen CSS Variablen einen Typ zu geben, etwa «das ist eine Farbe». Erst dadurch kann der Browser zum Beispiel Farbverläufe weich animieren.
Die Popover API liefert Menüs, Tooltips und kleine Dialoge, die sich über die Seite legen, direkt im HTML. Sie schliessen sich mit der Escape Taste oder einem Klick daneben und sind für Screenreader zugänglich, ohne dass ich eine Bibliothek einbinden muss. Passend dazu sorgt Anchor Positioning dafür, dass so ein Tooltip sauber an seinem Button kleben bleibt und automatisch die Seite wechselt, wenn oben kein Platz mehr ist.
View Transitions machen Seitenwechsel flüssig wie in einer App: Ein Produktbild gleitet von der Übersicht in die Detailansicht, statt dass die Seite einfach neu aufblitzt. Die erste Variante funktioniert innerhalb einer Seite, also in Single Page Apps. Die zweite funktioniert zwischen ganz normalen Unterseiten, und genau das wäre für klassische Webseiten wie WordPress Projekte spannend. Diese zweite Variante fehlt in Firefox komplett. Die Navigation API ist das technische Fundament für solche Apps: Sie gibt JavaScript endlich eine saubere Schnittstelle, um Seitenwechsel, Zurück und Vorwärts zu steuern, statt der alten und fehleranfälligen History API.
Container Style Queries erlauben es einer Komponente, ihr Aussehen nach einer Einstellung ihres Elternelements zu richten, zum Beispiel ein dunkles Design nur für einen bestimmten Bereich der Seite. field-sizing ist eine kleine, aber geliebte Funktion: Ein Textfeld wächst automatisch mit, während du tippst.
WebGPU gibt Webseiten direkten Zugriff auf die Grafikkarte, für 3D Darstellungen, Spiele oder KI Modelle, die lokal im Browser laufen. Pikant für uns Linux Nutzer: Firefox unterstützt WebGPU bis heute nur unter Windows und auf Macs mit Apple Chip, unter Linux nicht.
Mit Scroll-driven Animations laufen Animationen im Takt des Scrollens ab, etwa ein Fortschrittsbalken oben im Artikel oder Bilder, die beim Herunterscrollen einblenden. Das läuft im Browser flüssiger als jede JavaScript Lösung. Und appearance: base-select löst ein Problem, das Webdesigner seit 25 Jahren nervt: Die Auswahllisten in Formularen lassen sich endlich komplett gestalten, mit Bildern, Icons und eigenem Layout, ohne sie mit JavaScript nachzubauen.
Was das im Arbeitsalltag bedeutet
Im Gegensatz zum Internet Explorer zerschiesst Firefox heute keine Layouts. Das Problem ist subtiler: Ich muss bei jeder neuen Funktion zuerst nachschauen, ob Firefox sie schon kann, und meistens lautet die Antwort nein oder erst seit Kurzem. Weil viele Nutzer ihren Browser nicht sofort aktualisieren und Unternehmen oft auf der Extended Support Release festsitzen, dauert es nach dem Firefox Release noch einmal Monate, bis ich eine Funktion wirklich ohne Netz und doppelten Boden einsetzen kann.
In der Praxis heisst das: Ich baue Dinge doppelt. Die schicke Seitenübergangsanimation gibt es in Chrome und Safari, in Firefox lädt die Seite einfach normal. Das nennt sich Progressive Enhancement und ist im Grunde ein gutes Prinzip, denn die Seite funktioniert ja überall. Aber jede dieser Weichen kostet Zeit beim Entwickeln, beim Testen und beim Erklären gegenüber Kunden, die auf ihrem Mac eine Animation sehen, die ein Kollege auf seinem Windows Rechner mit Firefox nicht sieht. Bei der Popover API oder Anchor Positioning habe ich jahrelang JavaScript Bibliotheken wie Floating UI mitgeschleppt, nur weil ein Browser fehlte.
Dazu kommt eine unangenehme Rechnung. Firefox hat laut StatCounter auf dem Desktop einen Marktanteil von rund 5 Prozent, mobil ist er noch deutlich kleiner. Wenn ein Projektbudget knapp ist, ist die Versuchung gross, Firefox einfach nicht mehr gründlich zu testen. Genau so ist der Internet Explorer damals langsam aus den Testplänen verschwunden. Nur dass es diesmal nicht der Browser ist, den wir loswerden wollen, sondern der einzige, der uns vor einem reinen Chromium Web schützt.
Warum der Vergleich trotzdem hinkt
So verlockend die Überschrift ist: Ganz fair ist sie nicht. Der Internet Explorer war ein Monopolist mit zeitweise über 90 Prozent Marktanteil. Microsoft hat nach dem Internet Explorer 6 im Jahr 2001 die Weiterentwicklung praktisch eingestellt, der Nachfolger kam erst fünf Jahre später. Dazu hat der IE Standards eigenwillig interpretiert und mit ActiveX eigene Technik durchgedrückt. Firefox macht nichts davon. Wenn Gecko eine Funktion ausliefert, hält sie sich an den Standard, und Firefox entwickelt sich sichtbar weiter.
Das zeigt auch das Projekt Interop, in dem sich Google, Apple, Microsoft und Mozilla jedes Jahr auf gemeinsame Baustellen einigen. Firefox ist dort 2025 von 46 auf 99 von 100 Punkten gesprungen und hat dafür zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 unter anderem Anchor Positioning, View Transitions, die Navigation API und @scope ausgeliefert. Ein guter Teil meiner Tabelle hat sich also erst in den letzten zwölf Monaten geschlossen. Für 2026 stehen ausgerechnet Scroll-driven Animations und View Transitions zwischen Seiten auf der Interop Liste, die zwei grössten Lücken.
Es gibt auch Gegenbeispiele, bei denen Firefox vorne lag. CSS Subgrid, mit dem sich verschachtelte Elemente am Raster ihres Elternelements ausrichten, gab es in Firefox 71 schon im Dezember 2019. Safari folgte 2022, Chrome erst im September 2023. Die Temporal API, die endlich das berüchtigte Datumsobjekt von JavaScript ablöst, hat Firefox im Mai 2025 als erster Browser ausgeliefert, Chrome kam im Januar 2026, Safari hat sie bis heute nicht. Und bei @scope war Safari der Nachzügler, nicht Firefox.
Schliesslich sind nicht alle fehlenden Funktionen gemeinsame Standards. WebUSB oder Web Bluetooth, mit denen Webseiten direkt auf Geräte zugreifen, sind Vorschläge von Google, die Mozilla und Apple aus Gründen der Sicherheit und des Datenschutzes bewusst ablehnen. Das ist kein Rückstand, sondern eine Haltung. Bei Web Serial hat Mozilla mit Firefox 151 inzwischen eingelenkt, Safari unterstützt es weiterhin nicht. Übrigens ist die Frage nach dem «neuen IE» selbst nicht neu: 2015 schrieb Nolan Lawson den viel diskutierten Artikel «Safari is the new IE». Damals galt Safari als Bremsklotz, und Apple hat darauf reagiert. Nach fast zwei Jahrzehnten, in denen das Safari Team kaum gewachsen ist, hat Apple ab 2021 dutzende neue Stellen geschaffen. Kritiker sehen darin vor allem eine Reaktion auf den Druck der Regulierungsbehörden, aber das Ergebnis ist sichtbar. Schon Safari 15.4 brachte im März 2022 über 70 Neuerungen, darunter :has() als erster Browser überhaupt. Bei Interop 2025 machte Safari mit einem Sprung von 43 auf 99 Punkte den grössten Satz aller Browser. Heute ist Safari bei vielen Funktionen schneller als Firefox. Die Rolle wandert also, und Apple hat gezeigt, dass man sie mit Investitionen auch wieder loswird.
Mein Fazit
Ist Firefox der neue Internet Explorer? Nein, nicht im eigentlichen Sinn. Firefox bremst das Web nicht aus Bequemlichkeit oder Marktmacht, und was Gecko ausliefert, funktioniert nach Standard. Aber im Alltag eines Webentwicklers fühlt es sich zunehmend ähnlich an: Firefox ist der Browser, auf den alle warten, bevor eine Funktion Baseline wird. Bei elf von zwölf Funktionen in meiner Liste war er der letzte, und drei davon fehlen auch im frisch gestalteten Firefox 157 noch.
Vielleicht passt ein anderes Bild besser: Firefox ist nicht der neue IE, sondern der Bremsklotz der Baseline. Das neue Nova Design zeigt, dass Mozilla in die Oberfläche investiert. Ich würde mir wünschen, dass dieselbe Energie in Gecko fliesst, denn ein schöner Rahmen nützt wenig, wenn das Bild darin unvollständig ist. Ich selbst bin privat Chrome Nutzer, und trotzdem wünsche ich mir ein starkes Firefox, gerade weil ich kein Web will, in dem nur noch Chromium den Takt angibt. Aber ich ertappe mich immer öfter dabei, Firefox als Sonderfall zu behandeln. Und genau so hat es damals mit dem Internet Explorer auch angefangen.
Wie erlebst du das? Testest du deine Projekte noch gründlich in Firefox, oder ist er bei dir schon zum Sonderfall geworden?