Im Fedora Forum wird seit September ernsthaft darüber gestritten, ob man LibreOffice in Rente schicken und stattdessen Collabora Office vorinstallieren soll. Über hundert Beiträge, Lizenzdebatten, ODF Grundsatzreden, Ribbon gegen Menüleiste, Flatpak gegen RPM. Ich habe das gelesen und mich die ganze Zeit gefragt: Warum diskutiert ihr eigentlich, welches Office vorinstalliert wird, statt zu fragen, warum überhaupt eines vorinstalliert sein muss? Ob ich LibreOffice, Collabora, OnlyOffice, Euro-Office oder einfach Google Docs im Browser verwende, geht meine Distribution schlicht nichts an.
Die Debatte ist für mich ein Symptom. Viele Linux Distributionen tun bis heute so, als würde ich mich mit einem 56k Modem einwählen und jede Minute im Netz auf der Telefonrechnung landen. Sie packen mir ein komplettes Büro auf die Platte, das ich nie bestellt habe, und zerlegen ihre Pakete in so viele Kleinteile, als wäre jedes Megabyte Gold wert. Das war vor 25 Jahren klug. Heute ist es einfach nur noch Gewohnheit.
Eine Lösung für ein Problem von 1998
Man muss fair sein: Die Idee hatte mal einen Sinn. Debian, SUSE und Red Hat sind in einer Welt gross geworden, in der Linux auf CD Stapeln kam, in Boxen im Laden stand oder per Post verschickt wurde. Das Internet war ein Luxus, der nach Minuten abgerechnet wurde. Ein Update von hundert Megabyte war ein Projekt für die Nacht, und wenn um drei Uhr morgens die Verbindung abbrach, fing man von vorne an.
In dieser Welt waren zwei Regeln völlig vernünftig. Pack alles auf den Datenträger, damit der Rechner ohne Internet brauchbar ist. Und schneide die Pakete so fein, dass niemand ein Byte zu viel herunterladen muss. Das Problem ist nur: Diese Welt gibt es seit fast zwanzig Jahren nicht mehr. Die Regeln aber schon.
Heute liefert ein normaler Glasfaseranschluss die Daten schneller, als die Festplatte meines ersten Linux Rechners sie hätte schreiben können. Ein Rechner, der bei der Installation kein Internet hat, ist die Ausnahme. Trotzdem werden ISOs und Paketarchive noch immer so gebaut, als wäre genau diese Ausnahme der Normalfall.
Das Büro, das niemand bestellt hat
Installiere eine typische Desktop Distribution und du bekommst ungefragt ein ganzes Sortiment: LibreOffice, Thunderbird, einen Musikplayer, eine Fotoverwaltung, ein paar Spiele aus dem Jahr 2005. Es ist, als würde dir der Vermieter die neue Wohnung übergeben, komplett eingerichtet mit seinem Sofa, seiner Kaffeemaschine und seinem Geschmack. Danke, aber nein danke.
Die Fedora Diskussion zeigt wunderbar, wie absurd das ist. Selbst unter Leuten, die sich freiwillig in einem Distributionsforum über Office Suites streiten, gibt es keinen Konsens. Die einen verteidigen LibreOffice wegen ODF und Lizenz, die anderen wollen eine moderne Oberfläche, wieder andere arbeiten mit SoftMaker Office, OnlyOffice, Euro-Office oder gleich mit Microsoft 365 und Google Docs im Browser. Wenn sich nicht einmal die Enthusiasten einig sind, mit welchem Recht entscheidet die Distribution dann für alle anderen? Ein Teilnehmer hat es im Thread trocken auf den Punkt gebracht: "I guess we should go back and just not preinstall office suite at all. Let users to decide what they want." Genau so.
Und das vorinstallierte Paket hat einen Haken, über den kaum jemand spricht: Es ist veraltet, sobald das ISO gebaut ist. Das Erste, was nach jeder frischen Installation passiert, ist ein dickes Update, das genau diese vorinstallierten Programme gleich nochmals herunterlädt. Man spart also nicht einmal Bandbreite. Man verschwendet sie doppelt.
Dabei wäre die Alternative so banal, dass es fast peinlich ist. Ein Installer, der fragt: Welcher Browser? Welches Office? Welches Mailprogramm? Oder gar nichts davon? Fertig. Ubuntu hat immerhin begriffen, dass die minimale Installation der bessere Standard ist, und liefert das volle Paket nur noch auf Wunsch. Das ist ein Anfang. Aber zwischen "alles" und "nichts" gibt es eine Auswahl, und genau die fehlt.
Paketpuzzle mit tausend Teilen
Noch schöner wird es bei den Paketen. Nimm libva-utils, ein paar kleine Werkzeuge rund um die Videobeschleunigung. Upstream heisst das Projekt libva-utils. Unter Arch heisst das Paket libva-utils. Unter Debian und Ubuntu heisst es vainfo, benannt nach einem einzelnen Programm darin. Warum? Weil es halt so ist. Wer eine Anleitung aus dem Arch Wiki oder von der Projektseite abtippt, bekommt erst einmal eine Fehlermeldung und darf dann raten.
LibreOffice ist der Klassiker. Unter Arch installierst du ein Paket, dazu bei Bedarf ein Sprachpaket, fertig. Unter Debian zerfällt LibreOffice in eine Liste, für die man eigentlich ein Inhaltsverzeichnis bräuchte: writer, calc, impress, core, common, Sprachpakete, Hilfepakete, Integrationspakete für GTK und KDE, Java Brücken und so weiter. Tipp mal apt-cache search --names-only '^libreoffice' | wc -l ein und staune.
Das zieht sich durch das ganze Archiv. Header in dev Pakete, Dokumentation in doc Pakete, Daten in data und common Pakete, Debugsymbole in dbgsym Pakete, Bibliotheken nach Versionsnummer. Wer unter Debian etwas kompilieren will, sammelt zuerst eine Viertelstunde lang dev Pakete zusammen. Unter Arch sind die Header einfach dabei, weil irgendwann jemand gemerkt hat, dass ein paar Kilobyte Header heute niemandem mehr wehtun.
Und genau das ist der Punkt. Die Megabytes, die dieses Puzzle einspart, sind im Vergleich zu einem einzigen Browserupdate oder einer Flatpak Runtime lächerlich. Bezahlt wird trotzdem, nur nicht mehr in Bandbreite, sondern in Komplexität, kryptischen Namen und verlorener Zeit.
"Aber was ist mit…"
Ich höre die Einwände schon. Nicht überall ist das Internet schnell und billig. Es gibt Schulen, Hilfsprojekte und abgeschottete Netze in Behörden und Industrie, wo ein vollständiges Offlinemedium Gold wert ist. Stimmt. Und auf Servern, in Containern und auf eingebetteten Geräten ist ein schlankes System mit fein geschnittenen Paketen tatsächlich ein Vorteil, weil alles, was nicht installiert ist, auch keine Sicherheitslücke haben kann.
Nur: Nichts davon erklärt, warum ich auf meinem Desktop mit Glasfaser diese Welt aufgezwungen bekomme. Ein Offlinemedium kann es als zusätzlichen Download geben, für die, die es brauchen. Feine Pakete können im Hintergrund weiterleben, während ich als Nutzer mit verständlichen Namen und sinnvollen Metapaketen arbeite. Man kann die Ausnahme bedienen, ohne sie zur Regel für alle zu machen.
Die Nutzer sind längst weiter
Das Ironische daran: Die Nutzer haben die Frage längst beantwortet, nur die klassischen Distributionen haben es noch nicht gemerkt. Flatpak und Snap liefern Anwendungen als einen grossen Block mit allem, was dazugehört, und die Leute lieben es. Fedora Silverblue, Ubuntu Core und GNOME OS behandeln das ganze Grundsystem als ein einziges Abbild. Niemand beschwert sich dort über ein paar Megabyte zu viel. Man beschwert sich höchstens, wenn etwas nicht funktioniert.
Was ich mir wünsche, ist deshalb nicht revolutionär. Ein schlankes Installationsmedium, das bootet, die Hardware erkennt und ins Netz kommt. Ein Installer, der mich fragt, was ich will, und den Rest frisch aus den Paketquellen holt. Paketnamen, die dem Upstream entsprechen, oder wenigstens Aliase, damit apt install libva-utils einfach funktioniert. Und Header, die bei den gängigen Bibliotheken einfach dabei sind. Das ist kein Wunschkonzert, das ist Stand der Technik.
Fazit
Linux hat in den letzten Jahren Wayland, PipeWire, Rust und atomare Updates gestemmt. Diese Community hat keine Angst vor Veränderung. Umso absurder ist es, dass ausgerechnet der allererste Kontakt mit einer Distribution, die Installation und das Paketsystem, noch immer nach knisterndem Modem riecht.
Debian und Ubuntu haben damals nichts falsch gemacht. Sie haben für ihre Zeit genau das Richtige getan. Aber wer 2026 noch nach den Regeln von 1998 baut, macht es heute falsch. Und darum ist die Fedora Debatte auch die falsche Debatte. Es ist völlig egal, ob LibreOffice oder Collabora vorinstalliert wird. Die richtige Antwort lautet: keines von beiden, bis ich danach frage.
Siehst du das anders? Willst du nach der Installation ein fertiges Büro, oder lieber selbst wählen? Schreib es mir in die Kommentare.