Be-in/Be-out im MyRide-Test: Einsteigen, aussteigen, fertig

Giruno Zug an einem Sommertag am Zugersee

Bild: © SBB CFF FFS

Im Januar habe ich auf diesem Blogbeitrag beschrieben, warum ich mein Generalabonnement 1. Klasse gekündigt und stattdessen MyRide ausprobiert habe. Seither sind ein paar Monate vergangen, ich bin weiterhin Teilnehmer des Feldtests und habe das System inzwischen in fast jeder erdenklichen Alltagssituation genutzt. Was sich in dieser Zeit nicht geändert hat, ist meine Begeisterung für das Preismodell. Was sich aber seit Anfang dieser Woche grundlegend geändert hat, ist die Art, wie meine Reisen erfasst werden.

Seit Montag, dem 27. April, läuft im MyRide-Feldtest eine neue Beta-Phase mit der Bezeichnung Be-in/Be-out, in der Branche kurz Bibo genannt. Statt vor jeder Fahrt manuell in der App zu wischen, läuft die Erfassung jetzt vollständig automatisch im Hintergrund. Ich steige ein, ich steige aus, und die App erledigt den Rest. Nach den ersten Tagen mit Bibo möchte ich festhalten, wie sich das anfühlt, wie es technisch funktioniert und warum das aus meiner Sicht ein viel grösserer Schritt ist als nur ein bisschen Komfort.

Was sich konkret verändert hat

Bisher war der MyRide-Ablauf zwar deutlich einfacher als jeder klassische Billettkauf, aber eben nicht völlig unsichtbar. Vor jeder Fahrt habe ich in der SBB Preview App den Wisch ausgelöst, ein virtuelles Ticket aktiviert und nach dem Aussteigen die Reise wieder beendet. Wer bereits Easyride genutzt hat, kennt diesen Ablauf. Er ist gut gemacht, aber er erfordert Aufmerksamkeit. Wer den Check-out vergisst, riskiert eine falsche Abrechnung. Wer den Check-in zu spät auslöst, riskiert eine Busse.

Mit Bibo fällt dieser ganze Schritt weg. In der App erscheint unter dem neuen Reiter "Be-in/Be-out" nur noch der Status "Bereit", sobald die Geräteeinstellungen stimmen. Sobald ich in einen Zug, ein Tram oder einen Bus einsteige, erkennt das System die Fahrt selbständig. Die Preisberechnung erfolgt nicht in Echtzeit, sondern erst etwa zwanzig Minuten nach dem Aussteigen. Das macht aus technischer Sicht Sinn, weil das System dadurch Umstiege, Verzweigungen und kurze Unterbrechungen sauber zusammenfassen kann.

Bildschimrfoto der SBB Preview App mit dem offenen Bibo Tab

Für mich als Beta-Tester der ersten Stunde fühlt sich das fast unwirklich an. Ich war so daran gewöhnt, dass ich vor jeder Fahrt einen Handgriff mache, dass ich am Montag im Tram nach Basel ein paarmal aus Reflex die App öffnete, nur um zu schauen, ob alles wirklich von alleine läuft. Es lief.

Wie Bibo technisch funktioniert

Bibo basiert nicht auf einer einzigen Technologie, sondern auf einer Kombination mehrerer Sensorquellen. Die Grundlage bilden sogenannte Beacons. Das sind kleine, batteriebetriebene Sender, die auf dem Bluetooth Low Energy Standard arbeiten und in den Verkehrsmitteln verbaut sind. Beacons sind reine Sender. Sie können keine Daten empfangen, nichts speichern und niemanden orten. Sie strahlen schlicht eine eindeutige Kennung aus, die mein Smartphone empfängt und der App zur Verfügung stellt.

Spannend ist, dass die SBB ihre Züge bereits seit 2023 vollständig mit Beacons ausgestattet hat. Auch rund zweihundert weitere Schweizer Transportunternehmen haben ihre Fahrzeuge entsprechend ausgerüstet. Die Technologie ist also schon lange im Einsatz, bisher aber vor allem für andere Zwecke. SBB Inclusive nutzt sie für Reisende mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung, SBB Freesurf für den kostenlosen WLAN-Zugang im Zug, und auch die "On Board Information" in der SBB App basiert auf Beacons. Bibo ist die nächste logische Anwendung dieser Infrastruktur.

Beacons allein reichen aber nicht aus. Mein Smartphone kombiniert das Bluetooth-Signal mit klassischen GPS-Standortdaten, mit den Bewegungssensoren des Geräts, also Beschleunigungsmesser und Gyroskop, und mit Aktivitätsdaten aus dem Betriebssystem. Auf iOS sind das die CoreMotion-Daten, auf Android die Activity Recognition API. Aus diesen Quellen errechnet die App, ob ich gehe, fahre, im Bus sitze oder im Zug. An Orten, an denen GPS schwach oder gar nicht verfügbar ist, also etwa in Tiefbahnhöfen oder in Tunnels, übernehmen die Beacons die Hauptarbeit. An Orten ohne Beacons, also bei internationalen Verbindungen oder Spezialfällen, hilft das GPS. Die Sensorfusion entscheidet im Hintergrund laufend, welcher Datenquelle gerade am meisten zu trauen ist.

Damit das verlässlich funktioniert, müssen ein paar Dinge auf dem Telefon stimmen. Bluetooth muss aktiviert sein, die Ortungsdienste müssen dauerhaft im Hintergrund laufen, der Energiesparmodus und die diversen Batterieoptimierungen müssen für die App ausgeschaltet sein, und die App benötigt Zugriff auf die Bewegungssensoren. Wer das einmal eingerichtet hat, merkt im Alltag nichts mehr davon. Wer es nicht einrichtet, bekommt in der App den Status «Nicht bereit» und kann Bibo schlicht nicht nutzen.

Wer dahinter steht

Hinter der technischen Lösung für Bibo steckt nicht die SBB allein. Federführend ist die Luzerner Firma Axon Vibe, die schon bei Easyride die smartphonebasierte Reiseerfassung verantwortet. Axon Vibe hat im August 2024 die SBB-Ausschreibung für das automatische Ticketing gewonnen und liefert seither die Erkennungstechnologie. Die Firma ist nicht nur in der Schweiz aktiv, sondern arbeitet unter anderem auch mit der Metropolitan Transportation Authority in New York und mit der Deutschen Bahn zusammen. Bibo bezeichnet Axon Vibe selbst als "Be-in/Be-out" und ordnet es einem grösseren Konzept namens Digital Pay-As-You-Go zu, das langfristig auch ausserhalb der Schweiz Anwendung finden soll.

Aus Entwicklersicht finde ich es bemerkenswert, dass eine relativ kleine Schweizer Firma die zentrale Erkennungs- und Abrechnungslogik für ein landesweites ÖV-System verantwortet. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass nicht alles aus dem Silicon Valley kommen muss, sondern dass auch in der Schweiz hochspezialisierte Software entwickelt wird, die im Alltag wirklich greift.

Die Frage nach dem Datenschutz

Sobald ein System dauerhaft im Hintergrund weiss, wo ich mich befinde und mit welchem Verkehrsmittel ich unterwegs bin, ist die Frage nach dem Datenschutz unausweichlich. Die Alliance SwissPass und die SBB betonen, dass die Beacons selbst keine personenbezogenen Daten verarbeiten. Das stimmt technisch, weil sie reine Sender sind. Die eigentlichen Daten entstehen erst auf meinem Smartphone und werden über die App in die Backend-Systeme übermittelt. Diese Daten dienen ausschliesslich der Abrechnung und der Marktforschung im Rahmen des Feldtests. Sie werden nach Aussage der Betreiber nicht an Dritte weitergegeben.

Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte begleitet das Projekt aktiv. Er war bereits beim ursprünglichen MyRide-Test eingebunden und steht auch bei Bibo im regelmässigen Austausch mit den Verkehrsbetrieben. Die Bearbeitung der Daten muss rechtmässig, verhältnismässig, zweckbestimmt und transparent erfolgen, das sind die Grundsätze des Datenschutzgesetzes. Hinzu kommt, dass die Teilnahme an Bibo wie an MyRide insgesamt freiwillig ist. Wer das System nicht nutzen möchte, kauft weiterhin Tickets am Schalter, am Automaten oder über die klassische SBB Mobile App.

Persönlich finde ich diese Konstellation akzeptabel. Ich sehe transparent, welche Daten erfasst werden, ich kann die Teilnahme am Feldtest jederzeit beenden, und die Datenflüsse sind technisch nachvollziehbar. Das ist nicht selbstverständlich, und ich werde diesen Punkt in den nächsten Wochen aufmerksam weiterverfolgen.

Erste Eindrücke aus der Praxis

In den ersten Tagen mit Bibo habe ich ein breites Spektrum an Fahrten zurückgelegt. Im Fernverkehr war ich mehrfach zwischen Basel und Zürich unterwegs, dazu kamen einige Regionalzüge sowie der tägliche Innerstadtverkehr in Basel mit Tram und Bus. Im Fernverkehr funktioniert die Erfassung bisher tadellos. Lange Strecken werden sauber erkannt, der Übergang von einer Linie zur nächsten beim Umsteigen klappt zuverlässig, und die Preise stimmen mit dem überein, was ich von vergleichbaren Strecken aus dem letzten Monat schon kannte.

Im städtischen Tram- und Busverkehr sieht das Bild ein wenig anders aus. Hier ist mir mehrfach aufgefallen, dass meine Fahrten um eine Station zu kurz erfasst werden. Konkret bedeutet das, dass die App den Einstieg an meiner Haltestelle erkennt, aber den Aussteigepunkt eine Haltestelle vor meinem tatsächlichen Ausstieg setzt. Das ist im Endpreis nicht dramatisch, schliesslich rechnet MyRide nach Distanz und der Unterschied liegt im Bereich von wenigen Rappen. Sauber ist das aber nicht, und es zeigt, wo die Grenzen der aktuellen Sensorfusion liegen.

Aus technischer Sicht überrascht mich das nicht. Im dichten Basler Stadtverkehr sind die Stationen oft nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Wenn ein Tram an der Endhaltestelle einfährt, beginnen die Türen schon zu öffnen, während der Beacon-Empfang noch aktiv ist. Gleichzeitig ist das GPS-Signal in dichtem Häuserumfeld nicht immer präzise, und die Bewegungssensoren brauchen einen Moment, um den Wechsel von «im Fahrzeug» auf «zu Fuss» zuverlässig zu detektieren. Das System trifft in dieser Übergangsphase eine Schätzung, und die liegt in der Innenstadt manchmal eine Station daneben. Im Fernverkehr fällt das nicht ins Gewicht, weil die Stationsabstände dort um Grössenordnungen länger sind.

Davon abgesehen verändert Bibo auch das Gefühl beim Reisen. Ich bin entspannter, weil mein Hinterkopf nicht mehr darüber nachdenkt, ob ich den Check-in rechtzeitig ausgelöst habe. Das mag banal klingen, aber gerade an stressigen Tagen mit knappen Umstiegen ist das eine echte Erleichterung. Ich vertraue darauf, dass die Technik im Hintergrund das Richtige tut, und kann mich auf das konzentrieren, was ich eigentlich vorhatte, zum Beispiel im Zug zu arbeiten oder einfach aus dem Fenster zu schauen.

Genau für solche Beobachtungen ist die zweimonatige Beta-Phase bis Ende Juni gedacht. Etwa dreitausend Personen sind aktuell dabei, eine Neuanmeldung ist seit dem 24. April nicht mehr möglich. Über die App kann ich der SBB direkt Rückmeldungen zu falsch erfassten Fahrten geben, und genau das habe ich bei den Stadtverkehrs-Fällen auch getan. Wenn der Test positiv verläuft, soll Bibo später in die reguläre SBB Mobile App integriert werden, und gerade die Erkennung im Stadtverkehr ist eine der Stellen, an denen sich der Test jetzt beweisen muss.

Das Preismodell bleibt der eigentliche Kern

Bei aller Begeisterung für die Technik hinter Bibo möchte ich nicht vergessen, was MyRide im Kern ausmacht. Das Bonus-System mit der täglichen Distanzdegression und dem monatlichen Bonus über die dreissigtägige Abrechnungsperiode funktioniert für mich weiterhin hervorragend. Meine Mobilitätskosten sind seit dem Wechsel vom GA 1. Klasse spürbar tiefer, ohne dass ich mein Verhalten anpassen musste. Bibo macht dieses System nun zusätzlich unsichtbar, was die Akzeptanz im Alltag deutlich erhöht.

Was MyRide aus meiner Sicht so spannend macht, ist die Kombination aus drei Ebenen. Das Preismodell belohnt regelmässige Nutzung. Die Klassenwahl bleibt situativ. Und die Erfassung läuft jetzt vollautomatisch. Erst zusammen ergeben diese drei Komponenten ein System, das den heutigen Zonen-, Strecken- und Abo-Salat im Schweizer ÖV grundsätzlich infrage stellt.

Was ich jetzt erwarte

Ich werde die Beta-Phase aufmerksam mitverfolgen und in den nächsten Wochen dokumentieren, wo Bibo zuverlässig funktioniert und wo es noch nachgebessert werden muss. Die ungenaue Erfassung im Stadtverkehr ist der erste konkrete Punkt auf dieser Liste. Weitere Grenzfälle werden folgen, etwa internationale Züge wie TGV oder ICE, die aktuell teilweise ausgenommen sind, weil dort die Beacon-Infrastruktur fehlt. Auch sehr kurze Strecken, schwache Bluetooth-Empfangsbedingungen oder ungewöhnliche Reisemuster werden Bibo herausfordern. Genau für solche Fälle braucht es einen breiten Feldtest, und genau deshalb ist es richtig, dass die Branche Zeit investiert, bevor Bibo flächendeckend ausgerollt wird.

Für mich persönlich ist nach den ersten Tagen klar: Bibo ist nicht einfach eine bequemere Variante von Easyride, sondern ein anderer Ansatz. Statt eine Aktion zu vereinfachen, lässt es die Aktion vollständig wegfallen. Das ist die ehrlichste Form von Benutzerfreundlichkeit, die ich mir in einem Ticketing-System vorstellen kann. Die Schwächen im Stadtverkehr zeigen, dass das System noch nicht in jedem Detail ausgereift ist. Genau dafür ist die Beta-Phase aber da. Wenn die SBB und Axon Vibe diese Übergangsfälle in den nächsten Wochen nachschärfen, dann bin ich überzeugt, dass Bibo der Punkt sein wird, an dem MyRide vom interessanten Experiment zum tatsächlichen Modell der Zukunft wird.