Sir Patrick Stewart ist gestorben. Ich möchte heute nicht über seine grossartige Schauspielkarriere oder über Captain Jean-Luc Picard schreiben. Darüber wird in diesen Stunden schon genug gesagt. Ich möchte über den Menschen Patrick Stewart schreiben. Denn mit ihm verliere ich ein grosses persönliches Vorbild und einen moralischen Kompass in unserer echten Welt.
Natürlich hat er mir auf der Brücke der Enterprise gezeigt, dass wahre Stärke nicht aus Waffen entsteht, sondern aus Diplomatie, Empathie und Haltung. Das Beeindruckendste an ihm war aber, dass diese Werte nicht mit dem Abspann endeten. Er legte sie nicht mit der Uniform in der Garderobe ab, sondern lebte sie jeden Tag.
Patrick Stewart wuchs in einer Arbeiterfamilie im nordenglischen Yorkshire auf, in einfachsten Verhältnissen. Er vergass nie, woher er kam. Schon als kleiner Junge erlebte er 1945, wie nach dem Krieg ein Sozialstaat und ein öffentliches Gesundheitswesen aufgebaut wurden, von denen Familien wie seine direkt profitierten. Das prägte ihn für immer. Er blieb sein Leben lang ein überzeugter Sozialdemokrat und stand für soziale Gerechtigkeit, Fairness und Gleichberechtigung ein. Seinen Weltruhm und seine gewaltige Stimme nutzte er nicht für sein Ego, sondern für diejenigen, die sonst überhört werden.
Seine Kindheit war geprägt von Angst. Immer wieder kam sein vom Krieg gezeichneter Vater nach Hause und prügelte auf seine Mutter ein, während der kleine Patrick hilflos danebenstand oder versuchte, sich dazwischenzuwerfen. Hilfe gab es keine. Wer damals Gewalt in der Ehe meldete, hörte nur, die Frau habe es wohl selbst provoziert. Aus diesem Schmerz wurde ein lebenslanges Engagement: Er setzte sich über viele Jahre für Schutzräume für Frauen ein, die Gewalt erleben, also genau für das, was seiner Mutter damals gefehlt hatte. Gleichzeitig unterstützte er Veteranen mit Kriegstraumata, um den Kreislauf der Gewalt an der Wurzel zu durchbrechen. Er hat mir gezeigt, dass man den eigenen tiefsten Schmerz in etwas verwandeln kann, das andere schützt.
Politisch bezog er immer klar und furchtlos Stellung. Als überzeugter Europäer kämpfte er gegen den Brexit, ging dafür in London auf die Strasse und half mit, die Kampagne für eine zweite Abstimmung zu lancieren. Seine Überzeugung stellte er dabei sogar über die Treue zur Labour Partei, die er über 70 Jahre lang unterstützt hatte. Er warnte unermüdlich vor Nationalismus, Ausgrenzung und dem Verlust von Mitgefühl in unserer Gesellschaft.
Als er noch einmal in seine Paraderolle als Picard zurückkehrte, tat er das ausdrücklich, weil er unserer Zeit einen Spiegel vorhalten wollte: eine Welt, die sich nicht abschotten darf, sondern Flüchtenden die Hand reichen muss. Und bis zuletzt setzte er sich als überzeugter Humanist für das Recht jedes Menschen auf ein selbstbestimmtes Lebensende in Würde ein.
In Jean-Luc Picards Brust schlug ein künstliches Herz. Das Herz von Patrick Stewart war durch und durch echt. Es schlug für Menschlichkeit, Anstand, Humor und Güte, in den unendlichen Weiten der Fiktion genauso wie hier bei uns auf der Erde.
Danke für diesen unerschütterlichen Kompass in einer oft schwierigen Welt, Sir Patrick. Gerade in solchen Zeiten haben Sie uns immer wieder gezeigt, dass es trotz allem Hoffnung gibt. Niemand wird Ihren Platz je ausfüllen können, und es ist heute ein grosses Stück kälter und stiller geworden. Aber die Haltung und die Menschlichkeit, die Sie uns vorgelebt haben, bleiben.
Gute letzte Reise, Captain. Engage. 🖖🖤