Euro-Office auf meiner Nextcloud: Was der OnlyOffice-Fork wirklich taugt

Euro-Office auf meiner Nextcloud: Was der OnlyOffice-Fork wirklich taugt

Seit ein paar Jahren läuft auf meiner Nextcloud zuverlässig Collabora Office. Es tut, was es soll, und trotzdem habe ich immer wieder mit OnlyOffice geliebäugelt. Die Engine ist schlicht besser, wenn es um Microsoft-Formate und Architektur geht, das muss man neidlos anerkennen. Ich habe also länger als einmal überlegt, ob ich umsteige. Gemacht habe ich es nie, und das hatte zwei Gründe.

Der erste sind die Eigentumsverhältnisse. Hinter OnlyOffice steht mit Ascensio System SIA ein Unternehmen, das seine russische Herkunft so gut es geht zu verschleiern versucht, das Pull Requests von aussen praktisch nicht annimmt und seine Entwicklung über interne Issue-Tracker mit russischen Commit-Nachrichten abwickelt. Das ist für mich keine offene Entwicklung, das ist eine Firma, die das Etikett Open Source trägt, ohne die Offenheit zu leben.

Der zweite Grund wiegt für mich noch schwerer, weil er technischer Natur ist. OnlyOffice steht unter der AGPLv3, ist also auf dem Papier quelloffen. In der Praxis stecken in der Codebasis aber etliche Binary-Blobs und kompiliert oder obfuskiert ausgelieferte Code-Teile, die man weder einsehen noch sauber selbst bauen kann. Dazu kommen die mobilen Apps, die gar nicht wirklich Open Source sind, sondern nur dünne Wrapper um proprietäre, geschlossene Teile. Eine Suite, die ich nicht vollständig aus dem Quellcode bauen und nachvollziehen kann, ist für mich eben nur halb frei.

Und genau hier wird Euro-Office interessant. Der Fork ist nicht einfach OnlyOffice mit einer europäischen Fahne obendrauf, sondern setzt genau an diesen wunden Punkten an. Das Team hat begonnen, die Binary-Blobs zu ersetzen, die obfuskierten und proprietären Teile nachzuprogrammieren, veraltete Abhängigkeiten wie ein altes OpenSSL zu aktualisieren und die proprietären Logos und Verweise auf das Originalprojekt zu entfernen. Es ist der Versuch, aus einem nur halb offenen Office endlich ein vollständig nachbaubares zu machen. Das war Grund genug, es auf meine Instanz zu holen und produktiv damit zu arbeiten. Das hier ist mein Erfahrungsbericht, keine Installationsanleitung, sondern der ehrliche Blick darauf, was dabei herauskommt, wenn man die Marketing-Folien weglegt und die Software tatsächlich benutzt.

Was Euro-Office eigentlich ist

Eine Sache muss ich vorab klarstellen, weil sie in vielen Berichten untergeht: Euro-Office ist kein von Grund auf neu geschriebenes Office. Es ist ein Fork von OnlyOffice. Das Konsortium um Nextcloud und IONOS hat im März 2026 die OnlyOffice-Codebasis abgespalten und arbeitet seither unter eigenem Namen weiter. Wer also schon einmal OnlyOffice betrieben hat, wird sich sofort heimisch fühlen.

Und gleich noch ein zweites Missverständnis aus dem Weg geräumt, das der Name geradezu provoziert: Euro-Office ist kein Projekt der EU. Hinter dem Namen steht kein Brüsseler Gremium, keine Förderung der Europäischen Kommission und kein offizielles Mandat. Getragen wird das Ganze von einem Zusammenschluss privater Unternehmen und Organisationen, allen voran IONOS und Nextcloud, dazu unter anderem Proton, OpenProject, XWiki, Soverin, Abilian, BTactic und die industriepolitische Initiative EuroStack. Das Euro im Namen steht für den Anspruch europäischer Souveränität, nicht für die Europäische Union als Institution. Das ist kein Erbsenzählen, denn wer Euro-Office mit dem Gewicht einer staatlichen Lösung verwechselt, überschätzt sowohl die Verbindlichkeit als auch die Absicherung hinter dem Projekt.

Bildschirmfoto von Euro-Office About Seite auf der NextCloud
Euro-Office auf der NextCloud

Woraus Euro-Office eigentlich besteht

Bevor es ans Eingemachte geht, lohnt sich ein Blick darauf, was Euro-Office überhaupt ist, denn es ist kein einzelnes Programm, das man installiert. Es ist ein Bündel aus mehreren, separat versionierten Repositories, die das übergeordnete DocumentServer-Repository per git-Submodules zusammenhält. Das Herzstück, das auf dem Server läuft, ist der Document Server. Dahinter steckt ein Node.js-Backend, in dem der DocService die gemeinsame Bearbeitung koordiniert, der FileConverter die Formatkonvertierung erledigt und ein Admin-Panel sowie Metriken dazukommen. Die eigentliche Schwerstarbeit beim Rendern und Konvertieren macht eine C++-Engine, dazu kommen die mitgelieferten Schriften.

Im Browser laufen dann die Web-Editoren für Text, Tabellen, Präsentationen, PDF und sogar Visio. Unter ihnen liegt ein JavaScript-SDK, das die Office-Open-XML-Dokumentmodelle abbildet, also genau die Logik, die bei mir lokal im Browser arbeitet. Wichtig zu verstehen ist dabei: Euro-Office ist ausdrücklich keine eigenständige Anwendung. Es kümmert sich nur um die Dokumentbearbeitung. Speicherung, Navigation, Berechtigungen und das Teilen muss die Plattform liefern, in die es eingebettet wird, also etwa Nextcloud, Proton Drive, OpenProject, Seafile oder XWiki. Man installiert sich also nicht ein fertiges Office auf den Rechner, sondern betreibt den Document Server und klinkt ihn in eine Plattform ein. Genau deshalb dreht sich mein ganzer Bericht um die Nextcloud-Integration.

Eine kleine, vielsagende Randnotiz dazu: In der Presse wird das Ganze als Version 1.0 gefeiert, das Release des DocumentServer trägt aber den Tag v9.3.2,.

Und jetzt zu der Frage, die sich sofort stellt: Was ist mit Desktop und Mobile? Auf dem Papier gehört zu Euro-Office ein Repository für native Desktop-Editoren für Windows, macOS und Linux, geerbt aus den Desktop-Editoren von OnlyOffice. In der Praxis sind diese Desktop-Apps zum Start der stabilen Version am 9. Juni 2026 aber schlicht noch nicht verfügbar. Sie stehen ausdrücklich als nächster Schritt auf der Liste, ohne festen Termin ausser einem vagen Sommer 2026. Bei den mobilen Apps ist es genau dieselbe Geschichte, und sie ist sogar noch heikler. Die mobilen Apps von OnlyOffice waren genau jene proprietären Wrapper, von denen ich oben gesprochen habe, und die muss Euro-Office erst neu programmieren. Eine fertige Euro-Office-App fürs Handy gibt es also heute schlicht nicht.

Für mich heisst das in der Summe: Mitte 2026 ist Euro-Office in der Praxis ein selbst gehosteter Document Server plus Web-Editor im Browser, mehr nicht. Wer offline auf dem Laptop schreiben will, ohne Serversoftware zu betreiben, ist vorerst weiterhin mit LibreOffice besser bedient. Das sollte man wissen, bevor man sich vom grossen Wort Office-Suite zu falschen Erwartungen verleiten lässt.

Der eigentliche Unterschied steckt in der Architektur

Man könnte meinen, der grosse Unterschied zwischen Euro-Office und Collabora Office sei die Oberfläche. Das ist falsch, Collabora hat mit der Notebookbar seit Jahren ebenfalls eine Ribbon-Oberfläche, die der von OnlyOffice stark ähnelt. Wer also glaubt, das eine sei das moderne Ribbon-Office und das andere ein verstaubtes Menü, hat schlicht nicht hingeschaut. Der wirkliche Unterschied sitzt eine Ebene tiefer, nämlich bei der Frage, wo das Dokument überhaupt bearbeitet wird.

Benutzeroberfläche Collabora Office
Benutzeroberfläche Euro-Office

Bei Collabora läuft eine eingebettete LibreOffice-Instanz auf dem Server. Diese liest das Dokument, rendert die sichtbaren Bereiche und schickt sie als fertige Bildkacheln, sogenannte Tiles, an den Browser. Mein Browser ist dabei im Grunde ein dünner Client. Er nimmt meine Tastatur-, Maus- und Scroll-Eingaben entgegen, schickt sie an den Server, und der Server berechnet daraus den neuen Dokumentzustand und liefert die aktualisierten Bildbereiche zurück. Die ganze Office-Maschine sitzt auf dem Server, der Browser zeigt nur ein Bild davon an.

Euro-Office macht das genau umgekehrt. Es ist als OnlyOffice-Fork von Anfang an fürs Web gebaut. Der Editor läuft als JavaScript-Anwendung im Browser und rendert das Dokument lokal über das Canvas-Element. Auf dem Server bleiben nur einige wenige Aufgaben, etwa das Speichern, die Formatkonvertierung und die Koordination, wenn mehrere Leute gleichzeitig arbeiten. Die eigentliche Bearbeitung passiert auf meinem Gerät.

Das klingt nach einem Detail für Nerds, hat aber im Alltag ganz konkrete Folgen, und zwar genau die, über die ich mich bei Collabora immer wieder geärgert habe.

Was das im Alltag bedeutet

Mein liebstes Beispiel ist die Rückgängig-Funktion. Wenn ich bei Collabora auf Rückgängig drücke, mache ich nicht zwingend meine eigene letzte Änderung rückgängig, sondern die letzte Änderung am Dokument. Solange ich allein am Dokument sitze, fällt das nicht auf. Sobald aber mehrere Leute gleichzeitig schreiben, wird es mühsam, weil mein Rückgängig dann unter Umständen den Beitrag einer Kollegin zurücknimmt statt meinen eigenen. Der Grund dafür ist genau diese serverseitige Architektur: Es gibt eine einzige, geteilte Bearbeitungssitzung auf dem Server, und damit hängt auch der Rückgängig-Verlauf am Dokument und nicht an der einzelnen Person.

Bei Euro-Office ist das anders, weil der Editor bei jedem Nutzer im Browser läuft und jeder seinen eigenen Bearbeitungskontext hat. Mein Rückgängig betrifft hier meine Änderungen, nicht die des ganzen Dokuments. Für gemeinsames Arbeiten an einem Dokument ist das für mich der grössere Komfortgewinn, deutlich relevanter als jede Formatfrage.

Der zweite spürbare Punkt ist das Tippgefühl. Weil bei Collabora jede Eingabe den Weg zum Server und das gerenderte Bild den Weg zurück nimmt, hängt die Reaktionsschnelligkeit direkt an der Verbindung. Bei einer schlechten Leitung kann das zäh werden, einzelne Kacheln laden verzögert oder erst auf den zweiten Blick. Euro-Office fühlt sich dagegen eher wie eine lokale Anwendung an, weil das Rendern auf meinem Rechner passiert und nicht erst über das Netz kommen muss.

Drittens die Serverlast. Collabora erledigt die ganze Arbeit zentral, jede geöffnete Ansicht kostet den Server Rechenzeit fürs Rendern. Euro-Office verlagert genau diese Last auf die Clients, der Server muss weniger leisten und skaliert bei vielen gleichzeitigen Nutzern entsprechend günstiger. Auf meiner überschaubaren Instanz spielt das keine grosse Rolle, in grösseren Umgebungen ist es aber ein handfestes Argument.

Ich will trotzdem fair bleiben, denn die Collabora-Architektur hat einen echten Vorteil, den man nicht unterschlagen darf. Weil der Browser nur Pixel bekommt und nie die eigentlichen Dokumentdaten, verlässt das Dokument bei Collabora den Server nicht. Für sehr datenschutzsensible Umgebungen ist das ein starkes Argument, denn aus einem Bild lassen sich die Originaldaten nicht einfach herausziehen. Euro-Office und OnlyOffice schicken dagegen das gesamte Dokument zum Rendern in den Browser. Wer maximale Kontrolle über die Daten will, muss diesen Punkt für sich gewichten. Für meinen Anwendungsfall überwiegen die Vorteile des client-seitigen Modells, aber pauschal besser ist keine der beiden Architekturen.

Und ja, die bessere Treue bei DOCX, XLSX und PPTX, die OnlyOffice nachgesagt wird, gilt auch für Euro-Office, weil sie aus derselben Engine kommt. Das ist aber eine Folge der Architektur und nicht der eigentliche Grund, warum ich umgestiegen bin.

Die Code-Unterschiede zwischen OnlyOffice und Euro-Office

Jetzt zum Teil, der mich als Entwickler am meisten interessiert hat. Weil Euro-Office ein Fork ist, ist die Integration in Nextcloud nahezu deckungsgleich mit der von OnlyOffice. Der Connector eurooffice-nextcloud ist ein Fork des onlyoffice-nextcloud-Connectors, und das sieht man an jeder Ecke. Wer von OnlyOffice migriert, ändert im Grunde nur die Namen.

Der erste Unterschied steckt im App-Identifier. Bei der Konfiguration über occ ist das der entscheidende Punkt:

# OnlyOffice
php occ config:app:set onlyoffice DocumentServerUrl --value="https://documentserver.example.com/"

# Euro-Office
php occ config:app:set eurooffice DocumentServerUrl --value="https://documentserver.example.com/"

Das gleiche Muster zieht sich durch die config.php. Wer die Einstellungen lieber direkt in der Konfigurationsdatei setzt, schreibt bei OnlyOffice in das Array onlyoffice, bei Euro-Office in das Array eurooffice:

// OnlyOffice
'onlyoffice' => array (
    'verify_peer_off' => true
),

// Euro-Office
'eurooffice' => array (
    'verify_peer_off' => true
),

Auch die Admin-Seite folgt diesem Schema. Bei OnlyOffice landet man auf ~/settings/admin/onlyoffice, bei Euro-Office auf ~/settings/admin/eurooffice. Dort trägt man die Adresse des Document Server ein, inklusive Protokoll und Port. Die Logik dahinter ist identisch, der Server muss sowohl vom Browser der Nutzer als auch vom Nextcloud-Server selbst erreichbar sein.

Die unbequemen Seiten, die in den Erfahrungsbericht gehören

Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich es bei den Vorteilen beliesse. Euro-Office ist ein sehr junges Projekt, die erste stabile Version kam am 9. Juni 2026, und das merkt man an konkreten Stellen. An der Installation liegt es dabei ausdrücklich nicht. Den Document Server bekommt man entweder als fertigen Docker-Container, der laut Projekt der schnellste Weg und am einfachsten zu aktualisieren ist, oder als deb-Paket für Ubuntu und Debian beziehungsweise als rpm für Fedora. Docker, Ubuntu und Debian werden sogar ausdrücklich für den Produktiveinsatz empfohlen. Das ist solide abgedeckt, und ich nenne es bewusst, weil in der Preview-Phase noch das Gegenteil kursierte.

Spürbar wird die Jugend des Projekts an anderer Stelle. Das auffälligste Beispiel ist ausgerechnet das offene Format. Zum Start fehlt die vollständige ODF-Ausgabe. Eine Suite, die mit Souveränität und offenen Standards wirbt, kann also bislang nicht zuverlässig nach ODF speichern, und volle ODF-Unterstützung steht nach Aussage von Nextcloud-Chef Karlitschek erst zuoberst auf der Agenda für die nächste Version. Dazu kommt, wie schon im Komponenten-Abschnitt erwähnt, dass Desktop- und mobile Apps zum Start ganz fehlen. Wer Collabora als rundes, fertiges Werkzeug gewohnt ist, sollte diese Lücken einkalkulieren.

Eine Sache fehlt Euro-Office aber nicht wegen seiner Jugend, sondern strukturell: Secure View. Collabora kann ein Dokument so freigeben, dass der Empfänger es weder bearbeiten noch herunterladen, weder kopieren noch drucken kann, und legt auf Wunsch ein Wasserzeichen mit dem Namen des Betrachters darüber. Weil bei Collabora nur gerenderte Pixel im Browser ankommen, verlässt das geschützte Dokument den Server nie, und selbst ein Screenshot bleibt über das personalisierte Wasserzeichen rückverfolgbar. Damit lassen sich Anwendungsfälle wie vertrauliche Review-Prozesse oder virtuelle Datenräume umsetzen, etwa wenn man Anwälten oder externen Partnern Einsicht gibt, ohne die Daten aus der Hand zu geben.

Euro-Office kann das prinzipbedingt nicht gleichwertig, weil das gesamte Dokument im Browser landet. Es gibt zwar einen Secure-View-Wasserzeichen-Modus, aber der ist ein Overlay im Client, das sich mit etwas Wissen über das Entfernen einiger HTML-Knoten aushebeln lässt, während das Originaldokument ohnehin vollständig beim Nutzer liegt. Das ist kein Reifegrad-Problem, das verschwindet, sondern eine direkte Folge der Architektur.

Dann ist da der Befund, der das ganze Souveränitätsversprechen relativiert. Eine Analyse von Cybernews kam zum Schluss, dass der allergrösste Teil der Codebasis weiterhin von Entwicklern in russischen Zeitzonen stammt und dass Euro-Office auch nach dem Fork laufend Änderungen von OnlyOffice übernimmt. Zeitzonen sagen nichts über Nationalität, das ist richtig, aber für ein Projekt, das mit genau diesem Argument antritt, ist das ein unbequemer Punkt, den man nicht wegmoderieren kann.

Und damit komme ich zu dem Versprechen, das mich überhaupt erst überzeugt hat, dem Aufräumen der nicht-offenen Teile. Hier muss ich ehrlich sein: Eine nachvollziehbare öffentliche Liste nach dem Muster Blob X entfernt, durch Eigenimplementierung Y ersetzt sucht man bisher vergebens.

Belegt ist vor allem das Drumherum. Es gibt ein Build-Skript, mit dem sich die Drittanbieter-Abhängigkeiten selbst aus dem Quellcode bauen lassen, statt fertige, undurchsichtige Binaries hinzunehmen, wobei so ein Lauf gut fünf Stunden oder mehr dauert. Dazu kommen ein Update des veralteten OpenSSL und das Entfernen der Logo- und Branding-Teile. Nextcloud selbst spricht davon, vieles sei erledigt, aber eben als Sammelaussage, nicht als Einzelaufstellung. Der grösste Brocken aber, die proprietären Abschnitte in den mobilen Apps, ist nach eigener Aussage erst im Gange. Aus dem griffigen wir ersetzen die Blobs ist also bislang eher ein wir haben damit angefangen und das Gerüst dafür gebaut geworden. Das ist ein ehrlicher Anfang, aber es ist eben ein Anfang und nicht der fertige Beweis für ein vollständig nachbaubares Office.

Und schliesslich die Formatfrage, an der ich als jemand, der offene Standards schätzt, hängenbleibe, auch wenn ich gleich dazusage, dass sie nicht für jeden gleich schwer wiegt. Euro-Office setzt standardmässig auf OOXML, also genau das Microsoft-Format. Das ist kurios für eine Suite, die Unabhängigkeit von Microsoft verspricht, und es widerspricht dem, was etwa der Deutschland-Stack mit ODF und PDF/UA vorschreibt. The Document Foundation hinter LibreOffice hat das in einem offenen Brief scharf kritisiert und Euro-Office gar als faktischen Verbündeten von Microsoft bezeichnet, weil es den OOXML-Lock-in weiterträgt.

Nextcloud-Chef Karlitschek hat volle ODF-Unterstützung für die nächste Version angekündigt, eingelöst ist das aber noch nicht. Für mich ist das ein prinzipieller Wermutstropfen. Wer im Alltag ohnehin in den Microsoft-Formaten arbeitet, wird ihn kaum spüren, und das ist beim Lesen dieses Punkts mitzudenken.

Mein Fazit

Mein Wechsel von Collabora zu Euro-Office war kein Wechsel der Oberfläche, sondern ein Wechsel der Architektur. Vom serverseitigen Rendern mit gestreamten Bildkacheln hin zum Editor, der direkt in meinem Browser läuft. Genau daran hängen die Dinge, die mir im Alltag wichtig sind: eine Rückgängig-Funktion, das meine eigenen Änderungen betrifft und nicht die des ganzen Dokuments, ein flüssigeres Tippgefühl und eine geringere Last auf dem Server. Dass die Microsoft-Formate treuer dargestellt werden, nehme ich gerne mit, aber es war nie der eigentliche Grund.

Ob ich es empfehle, hängt stärker vom Anwendungsfall ab, als ich anfangs dachte. Die Formatfrage zum Beispiel relativiert sich schnell, denn nicht alle arbeiten mit ODF. Wer ohnehin im DOCX-, XLSX- und PPTX-Alltag lebt, und das ist der grösste Teil, den stört die noch fehlende ODF-Ausgabe herzlich wenig, und für den spielt die treue Microsoft-Darstellung sogar in die Karten. Die handfesteren Vorbehalte sind ein anderer Schlag: Das Projekt ist noch jung, Desktop- und mobile Apps fehlen, und wer wirklich maximale Datenkontrolle braucht, etwa um vertrauliche Dokumente nur lesbar und mit Wasserzeichen freizugeben, ist mit Collabora besser bedient, weil dort das Dokument den Server gar nicht erst verlässt.

So gesehen würde ich es heute so sagen: Wer in einer Nextcloud-Umgebung lebt, im Microsoft-Format zu Hause ist und das client-seitige Bearbeitungsmodell von OnlyOffice schätzt, kann Euro-Office schon jetzt ernsthaft anschauen. Wer dagegen auf saubere ODF-Ausgabe, jahrelang erprobte Stabilität, Offline-Apps oder geschützte Datenräume angewiesen ist, bleibt vorerst bei Collabora Office.

Und genau hier kommt für mich der eigentlich erfreuliche Teil. Egal wie man zu Euro-Office im Einzelnen steht, der Markt für quelloffene Office-Lösungen ist so lebendig wie noch nie.

Mit Collabora gibt es das server-gestreamte Modell auf LibreOffice-Basis, mit Euro-Office den web-nativen Editor auf OnlyOffice-Basis, und jetzt hat auch The Document Foundation angekündigt, LibreOffice selbst zurück in den Browser zu bringen. Geplant sind eine Web-Version auf Basis von WebAssembly und Qt 6, dazu echte mobile Apps für Android und iOS, ein eigener Dokumentenserver und kollaboratives Bearbeiten. Damit stehen sich plötzlich drei grundverschiedene Architekturen gegenüber, desktop-nativ, server-gestreamt und browser-nativ, und das ist für uns als Anwender schlicht eine gute Nachricht. Mehr glaubwürdige Auswahl bedeutet mehr Wettbewerb, mehr Tempo bei den Funktionen und weniger Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter. Wer am Ende gewinnt, ist mir fast egal, dass überhaupt so viel Bewegung drin ist, gefällt mir.

Ich behalte Euro-Office auf meiner Nextcloud, weil es genau die architektonischen Eigenheiten mitbringt, die mich an Collabora gestört haben, und weil es den ehrlichen Versuch macht, aus dem nur halb offenen OnlyOffice ein vollständig nachbaubares Office zu machen. Ob daraus das souveräne Office wird, das es sein will, oder am Ende doch nur ein umetikettiertes OnlyOffice mit europäischem Anstrich, das entscheidet sich erst in den nächsten Monaten. Ich schaue genau hin.