Mit dem heute erscheinenden Ubuntu 26.04 LTS "Resolute Raccoon" hat Canonical einen Schnitt vollzogen, den viele seit Jahren kommen sahen und trotzdem nicht ganz glauben wollten: Die klassische Xorg-Session für GNOME ist weg. Nicht deaktiviert, nicht versteckt, nicht optional - sondern komplett aus den Paketquellen entfernt. Wer im Login-Screen nach dem vertrauten "Ubuntu on Xorg" Eintrag sucht, sucht vergebens.
Der Schritt war angekündigt, der Schritt war absehbar, und trotzdem trifft er genug Leute hart genug, dass ich mir gedacht habe: Darüber sollten wir reden. Ehrlich und ohne die übliche Lagerbildung.
Was ist passiert
Fangen wir mit den Fakten an. Ubuntu 25.10 (Questing Quokka) war bereits der erste Release ohne GNOME-Xorg-Session im offiziellen Angebot. Ubuntu 26.04 LTS zieht jetzt den endgültigen Schlussstrich: Die Pakete für eine GNOME-X11-Session existieren nicht mehr. Kein gnome-session-xorg, kein .desktop-File unter /usr/share/xsessions/, kein Fallback. Wer auf Ubuntu 26.04 WaylandEnable=false in /etc/gdm3/custom.conf setzt, bekommt einen Login-Screen, der einfach nichts mehr anzubieten hat.
Das ist keine rein Ubuntu-spezifische Entscheidung. GNOME hat den X11-Session-Code mit Version 49 abgeschaltet und in Version 50 endgültig aus dem Quellcode entfernt. Fedora 43 war mit der gleichen Änderung ein paar Monate früher dran, und KDE Plasma hat angekündigt, mit Version 6.8 nachzuziehen. Das ist keine Kampagne gegen X11-Nutzer, sondern der koordinierte Rückzug der Leute, die den Code eigentlich pflegen müssten.

XWayland bleibt. X11-Anwendungen laufen weiter, einfach als Clients innerhalb einer Wayland-Session statt in einer nativen X-Session. Für die meisten GUI-Programme ist das eine unsichtbare Unterscheidung. Firefox, Thunderbird, JetBrains, Inkscape, GIMP, etc alles läuft, vieles davon inzwischen sogar nativ unter Wayland.
Wo es weh tut
Ich will nichts schönreden. Es tut weh, und es tut manchen sehr weh. Ich selber gehöre dazu.
Remote-Support mit AnyDesk und TeamViewer.
Das ist in meiner Welt einer der schmerzhaftesten Punkte. AnyDesk spuckt auf Wayland regelmässig das beliebte display_server_not_supported aus. Die Tools haben sich in den letzten Jahren verbessert, aber wer einen Kunden per AnyDesk unterstützen will, hat immer noch eine nennenswerte Wahrscheinlichkeit, auf einen schwarzen Bildschirm zu schauen oder keine Eingaben zu sehen. Für Agenturen, Freelancer und IT-Support ist das nicht "nice to have" sondern das ist Alltagsgeschäft.
NVIDIA Grafikkarten
Die Treibersituation hat sich massiv verbessert, aber wer eine ältere NVIDIA-Karte betreibt oder in Multi-Monitor-Setups mit gemischten Skalierungen unterwegs ist, kennt die Pannen: flackernde Fenster, plötzlich leere Bildschirme, Probleme beim Suspend/Resume. Die Beta-Release-Notes von Ubuntu 26.04 listen genau das als bekanntes Problem auf.
Spezialhardware und Accessibility-Tools.
Screen-Reader, Eye-Tracker, Zeichentabletts mit alternativen Treibern, spezielle Eingabegeräte. Vieles davon hat in X11 einfach funktioniert - in Wayland läuft es, wenn es läuft, oft über Umwege via libinput. Orca (der GNOME Screen Reader) hat mit GNOME 48 einen grossen Sprung gemacht, aber viele Spezialwerkzeuge hinken noch hinterher.
Remote-Desktop generell.
Wayland hat die Screen-Capture-Architektur grundlegend umgebaut. Statt dass eine App einfach den Framebuffer abgreift, läuft alles über PipeWire und xdg-desktop-portal. Das ist sicherer, aber es bricht jedes Tool, das auf dem alten Modell basiert hat. VNC in seiner klassischen Form ist auf Wayland schlicht nicht mehr das, was es einmal war.
Screen-Recording und Streaming.
Wer OBS, SimpleScreenRecorder oder ältere Werkzeuge verwendet hat, kennt die Suche nach der richtigen Kombination aus PipeWire, Portal und Backend. Es funktioniert, aber es ist eine andere Welt.
Scripting mit xdotool, wmctrl und Co.
Wer seinen Workflow auf x11-spezifischen Tools aufgebaut hat, kann vieles über ydotool und Wayland-Alternativen ersetzen. Aber eben: Ersetzen heisst umbauen, umbauen heisst Zeit.
Die Liste ist nicht kurz. Und wer behauptet, das sei alles gelöst, hat entweder ein sehr einfaches Setup oder wenig echte Praxiserfahrung.
Warum es trotzdem richtig ist
Und jetzt kommt der unbequeme Teil.
Der Grund, warum X11 weg muss, ist nicht, dass Wayland perfekt ist. Das ist es nicht. Der Grund ist, dass X11 architektonisch kaputt ist auf eine Art, die sich nicht mehr flicken lässt, ohne das gesamte Protokoll neu zu schreiben und genau das war Wayland von Anfang an.
Sicherheit
In X11 kann jede beliebige Anwendung den Bildschirminhalt jeder anderen Anwendung mitlesen. Jede Anwendung kann Tastatureingaben mitlesen, die an eine andere Anwendung gehen. Das ist kein Bug, das ist das Design. In einer Zeit, in der wir im Browser Banking machen, Passwörter in Passwort-Manager tippen und Video-Calls mit Kunden haben, ist das schlicht nicht mehr haltbar. Wayland dreht das um: Anwendungen müssen explizit um Zugriff bitten, der Compositor vermittelt, der Benutzer entscheidet. Genau deshalb sind die Remote-Desktop-Tools heute auch so umständlich - weil sie zum ersten Mal tatsächlich um Erlaubnis fragen müssen, statt still und heimlich alles abzugreifen.
Modernes Display-Handling
HiDPI mit unterschiedlichen Skalierungen pro Monitor, saubere fraktionale Skalierung, Variable Refresh Rate, HDR, Touch-Gesten, Pointer-Constraints für Spiele, all das sind keine Spielereien, das ist 2026. In X11 sind all diese Dinge Hacks auf Hacks auf Hacks, die irgendwie funktionieren, bis sie es nicht mehr tun. In Wayland sind sie Teil des Protokolls. Wer ein modernes Laptop mit internem 4K-Display und einem externen FullHD-Monitor betreibt, merkt den Unterschied sofort.
Wartungsaufwand
Das X.Org-Projekt wird von einer Handvoll Leuten am Leben gehalten. Grosse Änderungen sind kaum noch möglich, weil das Fundament zu komplex und zu spröde geworden ist. Jeder Entwickler, der heute an X.Org arbeitet, ist ein Entwickler, der nicht an Wayland arbeitet. Und Wayland ist die Zukunft, nicht weil irgendein Gremium das so beschlossen hat, sondern weil die Leute, die beide Systeme tatsächlich pflegen, sich dafür entschieden haben. Das sind zum grossen Teil dieselben Entwickler. Wenn sie sagen "X11 ist ein Dead End", sollte man ihnen zuhören.
Die Upstream-Realität
Canonical hätte GNOME-Xorg in Ubuntu 26.04 nur dann weiterhin anbieten können, wenn sie eigenständig den Upstream-Code gepflegt, gefixt und integriert hätten, den GNOME 50 gar nicht mehr ausliefert. Das ist kein Arbeitsaufwand mehr, das ist eine Fork-Entscheidung. Und die wäre im Angesicht der gleichzeitigen Wayland-Investitionen absurd.
Die unbequeme Wahrheit
Der richtige Zeitpunkt, X11 abzulösen, war vor zehn Jahren. Der zweitbeste Zeitpunkt ist heute. Das Problem mit Abschaltungen, die auf "später, wenn alles reif ist" geschoben werden: Das "später" kommt nie, weil die Menge an X11-abhängigem Alt-Code mit jedem Jahr wächst, nicht schrumpft. Irgendwann muss jemand den Schnitt machen. GNOME hat ihn gemacht. Canonical ist gefolgt. Fedora war schon da. KDE kommt als nächstes.
Das heisst nicht, dass die Pain Points irrelevant sind. Es heisst nur, dass sie nicht dadurch verschwinden, dass man auf X11 sitzen bleibt. Die Tools müssen sich bewegen - AnyDesk, TeamViewer, proprietäre Screen-Recorder, Nischenhardware. Solange eine X11-Session als bequemer Notnagel existiert, bewegen sie sich nicht. Erst wenn der Notnagel gezogen wird, wird der Druck gross genug, damit Hersteller und Entwickler reagieren. Das ist hart. Aber es ist der einzige Weg, der am Ende zu einem Ökosystem führt, in dem Wayland nicht die Ausnahme, sondern die Norm ist.
Man sieht das übrigens schon jetzt: RustDesk hat auf Wayland inzwischen Features, die AnyDesk und TeamViewer noch nicht haben - etwa saubere Unterstützung für Multi-Monitor-Setups mit unterschiedlichen Skalierungen. Der Markt reagiert, sobald der Druck da ist. Er reagiert nicht, solange ein X11-Fallback verfügbar bleibt.
Was man jetzt tun kann
Wer Ubuntu 26.04 einsetzt und auf eine X11-Session angewiesen ist, hat mehrere Optionen:
XFCE, LXQt oder KDE installieren
XFCE und LXQt Desktops laufen nativ auf X11 und sind aus den Ubuntu-Paketquellen verfügbar. Dazu idealerweise LightDM als Display-Manager, weil GDM auf Ubuntu 26.04 ohnehin nur noch Wayland-Sessions ausliefert. Das ist die pragmatische Lösung für alle, die eine X11-Session wirklich brauchen.
KDE Plasma 6 auf X11. Solange Plasma 6.8 noch nicht draussen ist, bietet KDE weiterhin eine X11-Session. Paket plasma-workspace-x11 installieren, im SDDM auswählen, fertig. KDE ist eine Zwischenlösung mit Ablaufdatum.
Bei Ubuntu 24.04 LTS bleiben
Support bis April 2029 (Standard), mit Ubuntu Pro bis April 2034. Wer nicht zwingend aktualisieren muss, hat Zeit zum Umplanen.
Tools evaluieren und ersetzen
RustDesk für Remote-Support testen. GNOME Remote Desktop mit RDP für viele Szenarien ausreichend. OBS mit PipeWire statt xcomposite. Feedback an proprietäre Hersteller geben - damit sie die Wayland-Unterstützung endlich priorisieren.
Einfach mal Wayland eine Chance geben
Wenn man ehrlich ist: Die meisten Probleme, die man noch vor vier Jahren mit Wayland hatte, sind verschwunden. Der Daily-Driver-Test ist für 80 Prozent der Nutzer bestanden. Es lohnt sich, nicht einfach aus Reflex zurückzuschalten.
Fazit
X11 hat uns fast vierzig Jahre begleitet. Das war ein erstaunlich langes, produktives Leben für ein Stück Software, das ursprünglich nie für das gedacht war, was wir heute damit machen. Dass es jetzt schrittweise abtritt, ist keine Tragödie, sondern eine Konsequenz.
Canonical tut mit Ubuntu 26.04 das Richtige, auch wenn es für einen Teil der Anwender - darunter Leute wie ich, die beruflich Remote-Support machen - erst einmal unangenehm wird. Die Frage war nie, ob der Umzug kommt. Die Frage war nur, wer ihn zuerst macht. Canonical hat sich entschieden, in der ersten Welle zu sein. Das ist mutig, das ist konsequent, und ich finde es richtig.
Auch wenn es weh tut.